Martinskirche Münsingen

  • Text: Stadtarchiv Dr. Roland Deigendesch

           mit freundlicher Genehmigung:

Evangelische Stadtkirche, gotische Basilika des 13./14.-15.Jahrhunderts


Die 804 erstmals erwähnte Martinskirche war ein Ausgangspunkt der
Christianisierung auf der Alb und besaß bis in das späte Mittelalter einen
bedeutenden Pfarrsprengel. Seit 1817 Dekanatskirche.


Die Lage auf einem Geländesporn über dem Marktplatz und der Salzgasse
entspricht vermutlich dem ältesten Siedlungskern Münsingens. Auf dem
Kirchplatz befand sich bis in das 16. Jahrhundert der Friedhof der Pfarrei.
Das schlichte, flachgedeckte Langhaus von ca. 1300 und der spätgotische
Chor von 1495/1498 entstanden an Stelle eines älteren Kirchenbaus.


1534 wurde in Münsingen wie im gesamten Herzogtum Württemberg die
Reformation eingeführt. Im Innenraum entstanden die Deckenbemalung des
Langhauses, die Kanzel und das Orgelgehäuse in nachreformatorischer Zeit.
Heute noch vorhandene mittelalterliche Ausstattungsstücke (Altarkreuz,
Taufstein, Plastiken) stammen aus der Stefanuskirche in Gruorn. 1887
erhielt die Kirche einen neugotischen Turmhelm nach einem Entwurf von
Christian Friedrich von Leins.
Die Kirche ist täglich von 9.00-18.00 Uhr über den Südeingang zugänglich.


  • Auszug aus dem Kirchenführer von Dr. Hermann Wenzel

          mit freundlicher Genehmigung:

Den vollständigen Text: Geschichte und Beschreibung der Martinskirche finden Sie hier: Kirchenführer


Der künstlerisch wertvollste Teil der Martinskirche ist zweifellos der 1976 restaurierte spätgotische Chor. Nach den Jahreszahlen am Türsturz des Treppenturmes und am ersten südlichen Strebepfeiler wurde mit seinem Bau 1495 begonnen. 1496 wurde der Gewölbeansatz erreicht und bis 1498 dürfte das Gewölbe ganz fertig gewesen sein.
Das Sternnetzgewölbe des Chores ist eine besonders gelungene Leistung vom Baumeister des Grafen Eberhard im Bart, Peter von Koblenz, einem der hervorragendsten Baumeister der Spätgotik in Schwaben, oder von Meistern aus dessen unmittelbarem baukünstlerischem Umfeld. Sternfigurationen hatten sich zwar schon seit dem Bau der Amanduskirche in Urach, der Peterskirche in Weilheim a.d. Teck und dem Kirchenbau in Dettingen a.d. Erms allmählich herausgebildet, aber in Münsingen treten sie dann noch deutlicher zu Tage und führen entgegen der allgemeinen Stilentwicklung zu einer deutlicheren Jochbetonung, wobei die Sternmitte zugleich der Jochmittelpunkt ist.
Dies wurde dadurch möglich, dass der Chorschluss nicht wie sonst üblich aus drei Seiten eines Achtecks, sondern eines Sechsecks gebildet wurde. So mussten die Sternfiguren nicht mehr jochübergreifend miteinander verknüpft werden, sondern konnten jochweise aneinander anschließen.
Eine Inschrift über dem Triumphbogen nennt den Maler des seit 1976 wieder sichtbaren spätgotischen Rankenwerks im Chorgewölbe: „Dys gewölb hatt gebild daniel schü... vo ulm ...“. Damit kann mit Sicherheit Daniel Schüchlin, Sohn des Hans Schüchlin und Schwager des ebenfalls bekannten Bartholomäus Zeitblom als Schöpfer der Gewölbemalerei angenommen werden. 1497 hatte er das Gewölbe der Stadtkirche von Blaubeuren ausgemalt. In Münsingen muss er dann nach Fertigstellung des Chorgewölbes zwischen 1498 und 1500 tätig gewesen sein.
Der erste evangelische Pfarrer in Münsingen nach der Reformation war der aus Straßburg stammende Georg Buser. Er ließ das Langhaus bereits 1557/58 gründlich renovieren. Im Stil der Renaissance machte er damit die Martinskirche zu einem der ersten farbig gestalteten Kirchengebäude der nachreformatorischen Zeit. Bei der Renovierung im Jahre 1984 wurde die Holzdecke von 1558 in ihrer ursprünglichen farblichen Gestaltung neu wieder hergestellt.
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1562 wandten sich Schultheiß und Pfarrer mit einem gemeinsamen Schreiben an den Kirchenrat, um sich gegen den geplanten Umbau des Langhausdachs zu wehren, der die Lagerung der Getreideeinkünfte der Münsinger Stiftspflege auf dem Dachboden der Kirche ermöglichen sollte. In diesem Schreiben wird erwähnt, dass durch den Einbau einer Stiege der Platz auf der ‚Borkirchen’ zu sehr beschnitten werden würde. Damit ist wohl eine Empore gemeint. Die ihr Vorhandensein in der vorreformatorischen Zeit der Martinskirche eher unwahrscheinlich war, dürfte sie erst zwischen  1534 und 1562 dort eingebaut worden sein. Dass der Dachraum der Martinskirche in der Tat wie in vielen anderen württembergischen Kirchen lange Zeit als Speicher diente, davon zeugt heute noch ein mit einer Tür verschlossenes Dachhäuschen über dem Chor-haupt, früher mit einem Flaschenzug an seinem First, an dem noch Anfang des letzten Jahrhunderts Holz in den Dachraum befördert wurde.
Der mit seiner neugotischen Bekrönung 51 m hohe Turm der Martinskirche prägt seit Ende des 19. Jahrhunderts die Stadtsilhouette von Münsingen. Im  Verständnis der sogenannten ‚Gründerzeit’ und ästhetischen Empfinden jener Epoche meinte man damals, „das unschöne Satteldach“ des alten Turmes durch einen „hohen, spitz zulaufenden Helm mit schönen gotischen Formen“ ersetzen zu müssen, wie es in der Pfarrbeschreibung von 1905 heißt. Den letzten Anstoß zum Umbau des in seinen drei Untergeschossen noch aus dem 13. Jahrhundert stammenden Turmes gab die Feier zum vierhundertjährigen Geburtstag Martin Luthers im Jahr 1883. Schon 1865 war hierfür ein Fonds angelegt worden und bereits 1879 hatte der Münsinger Gemeinderat beschlossen, den Turmaufbau mit Staffelgiebeln und Satteldach von 1487 abzubrechen und auf den alten Turm-stumpf ein neues Glockenhaus mit spitzem Helm zu errichten.
An Stelle eines ersten Planes von Amtsbaumeister Sattler, der auf Veranlassung von Dekan Niethammer vom Verein für christliche Kunst begutachtet und verworfen worden war, kam nach dessen Überarbeitung durch den Architekten Christian Friedrich von Leins schließlich ein neuer Plan dieses Architekten von 1886 zur Ausführung.
Die Überarbeitung des Sattlerschen Entwurfs sah eine
kupfergedeckte Holzpyramide, sein eigener Entwurf aber eine Steinpyramide in Tuffstein mit Hausteingliederung als Turmhelm vor. Der Bau der Steinpyramide wurde dann einstimmig beschlossen. 1887 wurde dieser Plan für 27 000 Mark unter der Leitung des Bauführers Volz und der Aufsicht des Leinsschen Büroleiters Elsässer ausgeführt. Da Leins bei Kirchenbauten ein Vertreter des so genannten ‚Gattungsstils’ war, wählte er für den neuen Turmaufbau in Münsingen einen Baustil, der die Stilmerkmale des Langhauses und des spätgotischen Chores in sich aufzunehmen versuchte. Sein  neugotischer  Turmhelm  steht aber in deutlichem Kontrast zur Schlichtheit des Langhauses und der alten Turmgeschosse, auf die er mit der neuen Glockenstube aufgesetzt wurde.

 Die Martinskirche ist ein Zeugnis mittelalterlicher Baukunst, das sich über das mühselige Leben der damaligen Einwohner hinaus erhebt und von der Glaubensstärke und dem Optimismus jener Zeit erzählt. Uns heutigen ist sie Gotteshaus, aber auch ein wichtiges Symbol unserer Stadt und ihrer Bindung an die württembergische Geschichte.
Großzügige Spender haben vor Jahren den Einbau der Kirchenfenster ermöglicht - ein Beispiel bürgerlichen Engagements, das sich durch die gesamte Kirchengeschichte zieht.
 
Nun wenden wir uns wieder an Sie: Die Fachleute haben dringenden Renovierungsbedarf vor allem am spätgotischen Chor festgestellt.
Zur Finanzierung des Bauvorhabens sind wir auf die Mithilfe aller Bürgerinnen und Bürger angewiesen. Setzen Sie die lange Tradition bürgerlicher Hilfe beim Kirchenbau fort, unterstützen Sie uns, treten Sie dem Förderverein bei, beteiligen Sie sich mit einer Spende! Lassen Sie sich von den Angeboten des Fördervereins mitnehmen! Werden Sie Freund und Förderer unserer Martinskirche.