„Sein‘ Raub der Tod musst geben her…“
Auferstehungsandacht zu EG 106 und einer Ikone

 

 

Kennen Sie die Hohenzollernbrücke in Köln mit den vielen kleinen Vorhängeschlössern am Geländer? Vielleicht haben Sie sie schon einmal gesehen, als Sie mit dem Zug über den Rhein langsam in den Kölner Hauptbahnhof hineingerollt sind. Verliebte ritzen die Anfangsbuchstaben ihrer Namen und ein Datum in das Schloss und schließen es an das Gitter des Brückengeländers. Nach einem mehr oder weniger langen und innigen Kuss werfen Sie gemeinsam die Schlüssel in den Rhein. Wer so den Schlüssel wegwirft, hofft darauf dass diese Verbindung niemals mehr gelöst werden wird. Die Deutsche Bahn hat zugesagt, dass noch viel Platz für weitere Schlösser ist, bevor sie die ersten entfernen müssen. Über 150.000 Zeichen der ewigen Liebe. – Stellen Sie sich die vielen Schlüssel am Grund des Rheins vor.

 

Aber manchmal – vermute ich – geht es uns genau andersherum. Manchmal wünschen wir uns, dass wir aus den Banden, die uns festhalten und binden, gelöst werden.

 

Dabei meine ich gewiss nicht die Bande, die uns mit einem geliebten Menschen verbinden. Wie sehr uns die Bande der Liebe auch über den Tod hinaus mit einem Menschen, der zu unserem Leben gehört hat, verbinden, das haben manche von uns im vergangenen Jahr deutlich erfahren. Da ist das Symbol der Schlösser an der Kölner Eisenbahnbrücke vielleicht eher sogar ein Zeichen dafür, dass Sie auch über den Tod hinaus in Liebe mit dem Verstorbenen verbunden bleiben, dass Sie ihn oder sie mit Ihrer Liebe neu entdecken und einen neuen Platz in Ihrem Leben für ihn oder sie finden oder schon gefunden haben. Da können die Schlösser ein tröstliches Bild für die bleibende Verbundenheit auch über das Ende unseres irdischen Lebens hinaus sein.

 

Nein, ich denke eher an die Bande, an die Ketten, die uns mit unserem Scheitern und unseren Grenzen verbinden, die uns festhalten in lieblosen Gewohnheiten, in achtlosem Umgang, in abwertenden Urteilen. Es fällt – bei allem guten Willen, bei aller noch so gut gemeinten Anstrengung – oft nicht leicht, solch eingefahrene Wege zu verlassen. Solche Gedanken, Worte und Werke bedeuten das Ende unserer liebevollen Beziehungen mit Gott, unseren Mitmenschen und gegenüber uns selbst, die Bibel spricht auch hier vom Tod – mitten im Leben. Am Ende wird auch uns der Tod wohl deswegen das Leben rauben, so rechtschaffen wir es auch zu leben versuchen.

 

„Die alte Schlange, Sünd und Tod, /

die Höll, all Jammer, Angst und Not“ –

 

davon wissen auch wir ein Lied zu singen, nicht erst wenn unser Leben vorüber ist, sondern mitten in unseren Fest- und Alltagen.

 

Manchmal – so vermute ich – wünschen wir uns deshalb sehr, dass wir aus solchen Banden, die uns vom Leben abhalten und an den Tod binden, gelöst werden könnten Von wie viel Jammer, Angst und Not könnten wir da befreit werden – nicht erst am Jüngsten Tag.

 

Der Tod – so scheint es – hortet seine eigenen Schlüssel, mit denen er uns an ihn als die Gegenmacht gelingenden Liebens und Lebens bindet und kettet.

 

Manchmal scheint es ja wirklich so, dass Sünd und Tod, uns das Leben rauben. Aber so wie der Walfisch den Jona verschlungen hat und nach drei Tagen wieder ans Ufer ausspeien muss, so muss der Tod auch das wieder hergeben, was er sich unrechtmäßig mit Gewalt genommen, was er sich geraubt hat. Und wenn er noch so viele Schlösser hätte, mit denen er uns an ihn binden könnte.

 

Sein' Raub der Tod musst geben her, /

das Leben siegt und ward ihm Herr, /

zerstöret ist nun all sein Macht. /

Christ hat das Leben wiederbracht

 

Dass Christus Jesus dem Tod die Macht genommen und das Leben ans Licht gebracht hat, dieses Bekenntnis aus dem 2. Timotheusbrief (2 Tim 1,10), setzt der Liederdichter ins Wort.

 

Osterikone

Die Osterikone  setzt die Osterbotschaft ins Bild:

 

Der Auferstandene Christus ganz in Weiß legt selber Hand an. Er zieht die dem Tode Verhafteten unterschiedslos aus den Gräbern. Sie sind nicht mehr gebunden an den Tod und seine Macht.

 

Der liegt nun selbst alleine gebunden in der Unterwelt inmitten all der Schlüssel für die Schlösser, mit denen er uns zu binden versucht hat. Seine Schlüssel schließen nicht mehr. Sie sind nutzlos geworden. Das Leben siegt, Christus hat es ans Licht des Ostermorgens gebracht.

 

Wenn das kein Grund zu Freude ist – Himmel und Erde freuen sich samt allen Lebewesen. Sogar diejenigen, die zuvor tief betrübt und niedergeschlagen sind, spüren den Unterschied, bekommen zumindest eine Ahnung davon, dass das Leben heute auch einmal leichter sein darf und sei es nur an diesem Ostermorgen, an den die Sonne sich nach den regnerischen letzten beiden Tagen wieder hervorwagt. Die Schlösser, die uns an das Dunkle binden, sind geöst und die Schlüssel weggeworfen, so dass uns niemand mehr endgültig daran festketten kann. Drum wollen wir auch fröhlich sein, das Halleluja singen fein …

 Pfarrer Thomas Lehnardt 

Email: thomas.lehnardtdontospamme@gowaway.elkw.de