Jener Mensch Gott

 


Alles beginnt mit einem totsterbenskranken Kind, das droht am eigenen Leib zu „verbrennen“, einer Seuche und einer Rettung.

 

Das Kind heißt Guérin und die Krankheit ist das „Antoniusfeuer“ eine Vergiftung durch einen Pilz im Getreide mit schlimmen Folgen. Nach Taubheitsgefühlen der Gliedmaßen sterben diese förmlich bei lebendigem Leibe ab. Immer wieder tritt die Epidemie auf. Unerklärlich, damals völlig rätselhaft und unausrottbar. Letzte Hoffnung blieb für viele Menschen damals die Fürsprache eines starken Heiligen. Man wählte den Vater aller Mönche, den Heiligen Antonius. Daher der Name.

 

Guérin stirbt wider Erwarten nicht. Und zum Dank stiftet sein Vater ein Hospital. In den Altar ist eine Reliquie des Heiligen Antonius eingelassen,  die auf weitem Weg aus Ägypten nach Frankreich kam. Die Hospitalkirche wird zum Wallfahrtsort, eine größere Kirche muss gebaut werden, und es gründet sich bald eine Bruderschaft. Guérin und sein Vater sind mit von der Partie. Sie kümmern sich um die, die das Antoniusfeuer verbrennt. Aus der Bruderschaft wird ein Orden – die Antoniter. Innerhalb kürzester Zeit entstehen in Mitteleuropa 369 Ordensniederlassungen, die erste deutsche in Isenheim, im Elsass, im Jahre 1314.Die Antoniter-Brüder und Schwestern „brennen“ für ihre Sache.

 

Die Kranken bekommen nahrhaftes Brot und Antoniuswein, einen Wein- und Kräutertrank, in den die Reliquien des hl. Antonius getaucht werden. Auch die Wunden werden behandelt und mit einem entzündungshemmenden Kräuterbalsam versorgt.

 

Zur Therapie gehören aber auch Gebet und Bußübungen und das Verweilen vor dem Altar bei der Aufnahme ins Hospiz, denn die Hoffnung auf Wunderheilung ist groß. Vermutlich war es nicht so, dass die Kranken dauerhaft im Kirchenraum mit Blick auf den Altar ihr Lager hatten.

 

Wer den Weg ins Hospital findet, bei dem ist die Krankheit weit fortgeschritten. Hier finden die Kranken Läuterung und Gebet, die Sterbesakramente und Linderung, hier verweilen sie beim heiligen Antonius, hier wird ihnen der unter unmenschlichen Schmerzen leidende Christus vor Augen gestellt.

 

Das ist der Hintergrund des Isenheimer Altars (1512-16), den der Antoniusorden für sein Hospiz in Isenheim malen ließ. Matthias Grünewald, der Künstler, gestaltet hierfür einen erschütternden Jesus, einen Christus, der mitleidet. Er malt ein Kreuz unter dem Menschen stehen, die auch leiden - auf unterschiedliche Weise.

 

Eine spannende Geschichte – ein spannendes, ein unbequemes Bild, das wir in den Passionandachten in diesem Jahr betrachten. Das Material des Ökumenischen Kreuzwegs der Jugend hilft uns dabei. Vom Fotographen Bernd Arnold auf Ausschnitte konzentriert und als „Instagram“ verfremdet. So will das Bild gar nicht mehr den heutigen Sehgewohnheiten entsprechen.

 

Unbequem, weil es so gar nicht gefällig daherkommt mit diesem seuchenkranken Jesus und all den anderen Mitleidenden. Unbequem, weil die Entstehungsgeschichte des Gemäldes uns an pures Elend erinnert, unsägliches Leid, Ausgrenzung, Verlassenheit und Trostlosigkeit. An Geschichten von Menschen, die abgeschoben wurden, mit denen nur noch einer litt, die nur noch einer heilen konnte – ER.

 

Aber darunter geht es nicht. Genau darum muss es gehen, wenn wir als erlöste Christen auf diese Welt schauen wollen: dann müssen wir den Blick auf das Leid richten – auf das in der Welt und unser eigenes – und uns Gedanken machen, wie das zusammenpasst mit dem Zuspruch, dass Gott uns liebt.

 

Darum ging es dem Maler; und darum muss es uns heute gehen – jetzt. Und nicht erst dann, wenn das Leid uns sprachlos gemacht hat und wir nur noch Kerzen und Blumen aufstellen können. Heute und jetzt gilt es, Antworten zu finden. Persönliche Antworten. Ahnungen, Hoffnungen, uns nach oben zu strecken!

Darum geht es in den Passionsandachten und Gottesdiensten in der Karwoche an Ostern: Der Blick in den Abgrund ist zugleich der Blick auf unsere Erlösung. Das ist seine Zusage: „Durch welches Elend dein Weg auch geht, ich bin ihn schon gegangen, um dort an Deiner Seite zu sein. Ich bin der Weg zur Heilung!“ Das ist seine Verheißung: „Dieser Weg ist der Weg der Befreiung, der Erlösung, zu dir selbst, zu MIR und zum Vater.“

Unbequem und wenig massentauglich ist diese Botschaft, denn sie holt den Glauben aus der Kuschelecke heraus und offenbart ihn als das, was er ist: Lebenshilfe. Hilfe zu einem glückenden Leben.

Ihr Pfarrer Thomas Lehnardt

 

Jener Mensch Gott

Jener leidet.

Jener leidet mit.

Jener leidet mir dir.

Jener Mensch. Dieser Gott

          sieht hin

          sieht dich

          sieht deine Sorgen.

Jener Gott. Dieser Mensch

          kennt das Leid

          sieht dein Leid

          überwindet Leid.

Jener Mensch.

Unser Gott.

Dieser Jesus.