Pfarrer Thomas Lehnardt

Osterpredigt zum Lied „Erstanden ist der heilig Christ“ (EG 105)


1. (Alle)                   Erstanden ist der heilig Christ, / Halleluja, Halleluja, /
der aller Welt ein Tröster ist. / Halleluja, Halleluja.

2.                            Und wär er nicht erstanden, / Halleluja, Halleluja, /
so wär die Welt vergangen. / Halleluja, Halleluja.

3.                            Und seit dass er erstanden ist, / Halleluja, Halleluja, /
so loben wir den Herren Christ. / Halleluja, Halleluja.

Predigt – Erstanden ist der heilig Christ

Ein kleines Osterfestspiel im Gottesdienst bietet uns das volkstümliche Lied aus der Reformationszeit :Erstanden ist der heilig Christ“ und ich lade Sie ein es heute im Osterfestgottesdienst miteinander aufzuführen. Einander das Osterevangelium singend erzählen, das könnten wir doch probieren – jede und jeder von seinem Platz aus. Vielleicht schlüpfen wir dazu in unterschiedliche Rollen. Der Chor wird uns der erzählende Evangelist sein. Die Frauen übernehmen die Stimmen der Marias, die am Ostermorgen zum Grab vor den Toren der Stadt Jerusalem unterwegs sind. Und die Männer dürfen heute– ausnahmsweise – einmal die Engel sein.

Gemeinsam haben wir schon eine Fassung des ältesten Osterchorals in deutscher Sprache gesungen: Christ ist erstanden. – vielleicht haben Sie’s ja wiedererkannt, vielleicht kam es Ihnen bekannt vor. Als Ouvertüre – gewissermaßen – hat dieser alte volkssprachliche Osterhymnus schon alles gesagt: Christus ist auferstanden, das ist die Rettung für uns und die ganze Welt, dafür loben wir Gott. Mehr ist nicht zu sagen an Ostern – für den theologischen Kopf – bin ich versucht zu sagen. Aber für das fragende, zweifelnde und glaubende Herz braucht es wahrscheinlich noch mehr.

Theologisch ist der Hymnus sicher korrekt: Martin Luther hat dem alten Osterruf im Lied „Christ lag in Todesbanden“ weiter ausgeführt und daraus eines seiner inhaltsschwersten und mit theologischer Weisheit belastetsten Lieder geschaffen (Blankenburg S.X): Jesus ist am dritten Tage von den Toten auferstanden, damit wird vor aller Welt sichtbar, Gott hat uns, Gott hat die ganze Welt vor der Macht des Todes errettet, das ist Grund genug für unsere Osterfreude und den Osterjubel.

Aber irgendwie braucht es noch mehr, damit die Botschaft unsere Herzen erreicht. Vielleicht brauchen wir eben doch auch in unserem Gesangbuch solche volksliedhaften einfachen epischen Nacherzählungen eines Abschnitts aus der Ostergeschichte (nach Blankenburg S. X). Vielleicht müssen wir uns wirklich mit den Frauen am Ostermorgen aufmachen und den Weg mit ihnen nachgehen, ihren Gedanken und Gefühlen nachgehen, damit die Osterbotschaft auch unsere Herzen erreicht, damit sie in uns das Feuer der Osterfreude entzündet und auch wir uns auf den Weg  in unser Galiläa senden lassen.

4. (Evangelist/ Chor) Drei Frauen gehn des Morgens früh, / Halleluja, Halleluja, / den Herrn zu salben kommen sie. / Halleluja, Halleluja.

5.                            Sie suchen den Herrn Jesus Christ, / Halleluja, Halleluja, /
der an dem Kreuz gestorben ist. / Halleluja, Halleluja.

6. (Frauen)              Wer wälzt uns fort den schweren Stein, / Halleluja, Halleluja, / dass wir gelangn ins Grab hinein? / Halleluja, Halleluja.

7.                            Der Stein ist fort! Das Grab ist leer! / Halleluja, Halleluja. / Wer hilft uns? Wo ist unser Herr? / Halleluja, Halleluja.

Predigt – Wer wälzt uns fort den schweren Stein …?

Da gehen sie, die drei Frauen am Ostermorgen, Maria Magdalena, Maria die Mutter des Jakobus, und Salome, um ihren Herrn zu finden. Als erfahrene Bibelleser, als Christenmenschen, die wir nun schon seit einigen Jahren Ostern feiern, kennen wir die Geschichte. Die Frauen machen sich auf, an Jesus den letzten Liebesdienst für einen Verstobenen zu verrichten. Aber vielleicht haben Sie aufgemerkt, als der Chor uns gesungen hat „sie suchen den Herrn Jesu Christ, der an dem Kreuz gestorben ist.“ Eigentlich müssen sie den doch nicht suchen, sie wissen doch, wo der liegt. Aber vielleicht geht es ja genau um diese Suchbewegung, vielleicht geht es darum, uns in diese Suchbewegung mit hineinzunehmen?

Als erfahrene Ostergeschichtenhörerinnen und -hörer kennen wir auch den sorgenvollen Gedanken „Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“ aus dem Osterevangelium. Doch dann die überraschende Wendung mit dem Ausruf: „Der Stein ist fort! Das Grab ist leer!“ – das wissen wir als Kirchgänger am Osterfest natürlich – Ja, der Stein ist nicht nur fort, sondern das Grab ist auch leer. Aber die Frauen bleiben bei ihrem ursprünglichen Unterfangen: Sie suchen ihren Herrn. „Wer hilft uns? Wo ist unser Herr?“ Um ihre Absicht in die Tat umsetzen zu können, um den gekreuzigten Jesus waschen und salben zu können, müssen sie seinen Leichnam finden.

Kein Erschrecken über das leere Grab, weil hier vielleicht etwas die Welt in ihren Grundfesten Veränderndes geschehen sein könnte. Das scheint viel zu weit außerhalb aller Vorstellungskraft der Frauen am Ostermorgen zu liegen. Das liegt ja auch für uns bis heute, wenn wir es uns recht in Ruhe bedenken, wohl wirklich jenseits unseres Vorstellungsvermögens, wenn wir solches erleben würden.

Die Frauen scheinen Jesus zu suchen, wie einen verlorengegangenen Schlüssel.

8. (Engel/Männer)    Erschrecket nicht! Was weinet ihr? / Halleluja, Halleluja. /
Der, den ihr sucht, der ist nicht hier. / Halleluja, Halleluja.

9. (Frauen)              Du lieber Engel, sag uns an, / Halleluja, Halleluja, /
wo habt ihr ihn denn hingetan? / Halleluja, Halleluja.

10. (Engel/Männer)   Er ist erstanden aus dem Grab, / Halleluja, Halleluja, /
heut an dem heilgen Ostertag. / Halleluja, Halleluja.

11. (Frauen)             Zeig uns den Herren Jesus Christ, / Halleluja, Halleluja, /
der von dem Tod erstanden ist! / Halleluja, Halleluja.

Predigt – Erschrecket nicht! Was weinet ihr?

Erschrecket nicht! Was weinet ihr? Der, den ihr sucht, der ist nicht hier!

Dass die Frauen erschrocken waren und deswegen weinten, erfahren wir durch die tröstenden und beruhigenden Worte der Engel. Aber worüber sie eigentlich erschrocken sind, wissen wir noch nicht so genau. Erwarten würden wir das Erschrecken über die Auferstehung oder die Escheinung der Engel. Davon ist aber noch nicht die Rede. Es geht weiter darum, wo diese fremden Herren denn nun Jesus hingebracht haben. Sie verfolgen immer noch ihr ursprüngliches Ziel – und galiläische Frauen lassen sich davon nicht so einfach abbringen, hat man den Eindruck.

Die Engel versuchen noch einmal ihnen nachdrücklich die besondere Situation zu erklären und sprechen hier von der Auferstehung. Er ist erstanden aus dem Grab, heut an dem heilgen Ostertag. Darauf haben wir, von der Lesung des Osterevangeliums seit Kindertagen vorbereitet, ja schon lange gewartet. Jetzt müssten sie’s doch endlich verstehen, die ersten Auferstehungszeugen am Ostermorgen, die ersten Hörerinnen der Osterbotschaft.

Aber wieder fragen sie nach, wo denn der Auferstandene zu sehen ist. Zeig uns den Herren Jesu Christ … Die Frauen am Grab scheinen immer noch nicht zu begreifen, was denn da geschehen ist. Scheinen einfach nicht begreifen zu wollen oder zu können, dass man die Auferstehung nicht sehen, dass man von der Auferstehung wohl nicht Augenzeuge, sondern nur Ohrenzeuge sein kann, dass man sich die Auferstehung eben gesagt sein lassen muss.

 

12. (Engel/Männer)   So tret't herzu und seht die Statt, / Halleluja, Halleluja, /
wo euer Herr gelegen hat. / Halleluja, Halleluja.

13. (Frauen)             Wir sehen's wohl, das Grab ist leer. / Halleluja, Halleluja. /
Wo aber ist denn unser Herr? / Halleluja, Halleluja.

14. (Engel/Männer)   Ihr sollt nach Galiläa gehn; / Halleluja, Halleluja, /
dort werdet ihr den Heiland sehn. / Halleluja, Halleluja.

15. (Frauen)             Du lieber Engel, Dank sei dir. / Halleluja, Halleluja. /
Getröstet gehen wir von hier. / Halleluja, Halleluja.

Predigt – Wir sehen’s wohl, das Grab ist leer.

Der Herr ist hin, er ist nicht do / wenn ich ihn hätt, so wär ich froh!

heißt die 13. Strophe in einer älteren volkssprachlicheren Fassung. der ja nun wirklich das Gefühl der ihren Jesus suchenden Maria Magdalena treffend ausdrückt. Das ist nach diesem Osterspiel die brennende Frage der ersten Osterzeugen. Das ist die drängende Frage derer, die dieses Lied in ihrer Umgangssprache hören und mitsingen. Und vielleicht ist das bis heute auch die Frage, die uns umtreibt. Wo ist dieser Auferstandene für uns zu finden?

Was Auferstehung heißt, scheint so schwer verständlich, dass es die Frauen am Ostermorgen noch nicht wirklich verstehen können. Was Auferstehung bedeutet, scheint auch für die Sängerinnen und Hörer des Osterspielliedes bis jetzt noch immer schwer zu verstehen zu sein. Wir sehen ja zwar, dass das Grab leer ist – aber: Wo ist dann unser Herr? Der Auferstandene muss doch irgendwo sein in unsren Vorstellungen von Zeit und Raum. Stellvertretend für unsere Erklärungsnöte beharren die Frauen auf ihrem Verstehens-Möglichkeiten des Ostergeschehens. Dass es sich so ganz unseren Vorstellungen von unserer Welt entziehen könnte – scheint ihnen noch nicht wirklich zugänglich. Und vielleicht ist deswegen dieses volkstümliche und so gar nicht theologische Erzähllied so wertvoll in unserem Gesangbuch.

Am Ende werden sie nach Galiläa geschickt zurück dahin wo sie herkommen, an den See Genezareth nach Magdala zum Beispiel. Am Ende werden wir mit unseren Osterfragen nach Hause entlassen, in den Alltag der Nachfolge Jesu Christi bei uns zu Hause. Dort werdet ihr dem Heiland begegnen.

Von den ersten Auferstehungszeugen wird dann später in den Evangelien erzählt, dass sie Jesus noch gesehen haben – zumindest eine Zeit lang. Aber das ist doch im Grunde eine andere Geschichte. Das Lied, die Inszenierung dieses Osterfestspiels belässt es dabei, dass wir nach Hause geschickt werden, dass wir in unseren nachösterlichen Alltag entlassen werden, um Christus dort zu begegnen. Das ist die Botschaft, die der Evangelist am Ende zusammenfasst und in die alle freudig einstimmen. Lassen Sie uns miteinander singen. Amen.

16. (Evangelist/ Chor) Nun singet alle voller Freud: / Halleluja, Halleluja. /
Der Herr ist auferstanden heut. / Halleluja, Halleluja.

17. (Alle)                 Des solln wir alle fröhlich sein, / Halleluja, Halleluja, /
und Christ soll unser Tröster sein. / Halleluja, Halleluja.


Pfarrer Thomas Lehnardt
 thomas.lehnardtdontospamme@gowaway.elkw.de





Text: Böhmische Brüder 1544 nach einer deutschen Fassung
Engelberg 1372 von »Surrexit Christus hodie« 13./14. Jh:

Melodie: 14. Jh., Hohenfurt 1410,Böhmische Brüder 1501/1531

Literatur: Blankenburg, Walter: „Erstanden ist der heilig Christ“
in: Quatember Jg. 1937, S. im Internet unter                        
www.quatember.de/J1937/q37086.htm
Rößler, Marin: Liedermacher im Gesangbuch, S. 236, 252.