Pfarrer Thomas Lehnardt

Predigtgottesdienst mit Abendmahl
am   12.10.2014        Text: Eph 4,1-6
Ort:   10:00 Münsingen
 
Es gilt das gesprochene Wort!
 
Predigt zu Eph 4,1-6  Ertragt einander in Liebe
Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Brief an die
Gemeinde in Ephesus. Im 4. Kapitel beginnt der Apostel seine ab-
schließenden Ermahnungen mit folgenden Worten:
4 1 So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem
Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen
seid, 2 in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer
den andern in Liebe 3 und seid darauf bedacht, zu wah-
ren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens:
4 ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu
einer Hoffnung eurer Berufung; 5 ein Herr, ein Glaube,
eine Taufe; 6 ein Gott und Vater aller, der da ist über al-
len und durch alle und in allen.
 
Ertragt einer den anderen in Liebe – haben Sie, liebe Gemeinde,
manchmal auch Schwierigkeiten damit, andere zu ertragen?
Auch wenn man offenbar gar nicht laut darüber sprechen darf, will
man sich nicht offensichtlich ins Unrecht setzen. Aber das gibt es
doch, auch unter uns guten Christenmenschen, dass wir einen
anderen nicht ausstehen können. Ich jedenfalls kenne das von mir
durchaus.
Nicht der schon wieder, denke ich mir insgeheim, wenn wie-
der derselbe Durchreisende an der Tür schellt und mit einer
haarsträubenden Geschichte aufwartet, damit er seine 5 Euro
bekommt. Öfter schon haben wir uns unterhalten. Immerhin, diese
Geschichte ist neu und gar nicht schlecht erzählt.  Er weiß halt,
wie er bei mir auf die Tränendrüsen drücken muss, aber ich weiß
aus vorigen Gesprächen auch, dass es im Grunde darum geht
genug Geld für seine Spielsucht zusammenzubekommen. Aber
heute mag ich einfach das verlogene Spiel nicht mehr mitspielen.
Wenn ich ihm kein Geld gebe, wird er mich beschimpfen, wenn ich
ihm Geld gebe, wird er es verzocken. Ertragt einander in Liebe.
Mir fällt es schwer, diesen älteren Mann zu ertragen, und wenn ich
ihn in Stuttgart vor der Stiftskirche sitzen sehe, dann mache ich
einen großen Bogen um ihn. Ich weiß nicht, ob Sie auch solche
Menschen kennen, bei denen ihn das schwer fällt?
Aber vielleicht müssen wir gar nicht in die Außenbeziehungen un-
serer Kirchengemeinde gehen. Vielleicht schauen Sie sich bei
diesem Gedanken verstohlen um in den Kirchenbänken heute
morgen und entdecken den einen oder anderen Bruder oder
die eine oder andere Schwester im Herrn, bei denen Ihnen der
Gedanke auch schon gekommen ist. Nicht die schon wieder mit
ihren langatmigen Geschichten, die kein Ende findet, wenn wir  
uns zu einem Schwätz getroffen haben, nicht der schon wieder,
der in seiner Trauer auch nach Jahren immer alles nur negativ se-
hen kann und nicht aus seinem Loch herausfindet. Das Leben
geht doch schließlich weiter.  
Und auch in den Leitungsgremien unserer Kirche – im engsten
Kreis der Hölle – sozusagen – erlebe ich manchmal wie bei mir
einfach die Klappe runtergeht, wenn da wieder einer den Mund
aufmacht, der für seine langatmigen Ausführungen bekannt ist, der
nur zu reden scheint, weil nicht von allen schon alles gesagt ist,
oder wenn da einer wieder mal alle neuen Vorschläge mit seinen
Bedenken und seinem, das war doch schon immer so erstickt. Ich
trau mich das ja kaum zu sagen und ich find das auch nicht gut
von mir, aber vielleicht kennen Sie ja wirklich ähnliches.  
Ertragt einander in Liebe – das ist eine wirklich große Heraus-
forderung.  
Als wir in einer Besprechung über diesen Text ins Gespräch ka-
men, war die Abwehr groß.  „Das kann ich meinen Jugendlichen in
der offenen Jugendarbeit so nicht sagen, das verstehen die ja
nicht.“ „Da muss man doch mal im Urtext nachschauen: Steht da
wirklich ertragen. Also in die konstruktive Auseinandersetzung, 
den fairen Streit gehen, das könnte ich verstehen. Aber das passi-
ve ertragen, das passt mir nicht in den Kram.“   
Da muss man doch noch einmal im Urtext schauen und an-
ders übersetzen – aber auch wenn man den griechischen Text
anschaut bleibt kein Zweifel, da steht wirklich ein Wort, das die
Bedeutung Aufnehmen und Tragen einer Last hat. Eine Strafe
aushalten, wird damit bezeichnet, auch den Gestank eines Men-
schen ertragen, einem anderen zuhören und sein Wort auf-
nehmen – all das kann das Wort beschreiben – und wenn es von
Gott verwandt wird, dann wird damit beschrieben, dass Gott in
seiner Barmherzigkeit an sich hält und uns erträgt.  Erstaunlich
unmodern kommt dieses Konzept des Apostels also wirklich daher
– auch bei näherem Hinsehen sträubt es sich gegen alle vereinfa-
chenden Deutungen. Konfliktberatung einzelner oder einer Ge-
meinde würde heute sicher eher dazu raten, die Spannungen aktiv
anzugehen, zu benennen und miteinander zu bearbeiten. Darin
zeigt sich wahres Interesse am anderen, nicht am ach so passiven
„Ertragen“.
Das soll es also sein? So sollen wir also nach unserer Berufung
als Christenmenschen leben? In dieser Haltung sollen wir den Zu-
sammenhalt der Christengemeinden im Band des Friedens ge-
währleisten? Ich weiß nicht, ob sich bei Ihnen angesichts dieses
Entwurfs genauso viel Unverständnis und Widerstand regt, wie in
unserer Besprechung.
Manchmal frage ich mich, ob der Verfasser des Epheserbriefes
nicht einfach nur ein großer Träumer war. Kennt der denn die
Wirklichkeit in Kirchengemeinden damals bei ihm in Kleinasi-
en und heute bei uns hier auf der Münsinger Alb nicht. Einig-
keit im Geist durch das Band des Friedens, das ist doch schon
unter den verschiedenen Missionsgemeinden des Paulus in Klein-
asien nicht viel mehr als eine fromme Fiktion, ein frommer
Wunschgedanke gewesen. Und wie geht es uns erst gut 1900
Jahre später.   
 
Ein Gott, ein Herr, eine Kirche, eine Taufe, das konnten die
vielleicht im 4. Jahrhundert auf dem Konzil in Nicäa noch ins
Glaubensbekenntnis  herein schreiben. Aber schon damals
entsprach das nicht den Realitäten.  Und wenn wir uns heute hier
in Münsingen und unserer Umgebung anschauen, dann ist von
dieser Einheit wenig zu entdecken. Mit dem Nebeneinander von
katholischer und evangelischer Kirche haben wir uns so gut
es geht eingerichtet. Da entdecken nicht nur die Gemeinden
Möglichkeiten zu einem guten Miteinander. Selbst die kirchenlei-
tenden Theologen versuchen das Band der Einheit zu stärken:
Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Erklärungen zur Rechtferti-
gungslehre oder zur gegenseitigen Anerkennung der einen Taufe  
öffentlich bekannt gemacht am ältesten Taufstein nördlich der Al-
pen im Magdeburger Dom.
Viel spannender scheint mir die Situation innerhalb der evan-
gelischen Kirchen. Wie ist das mit der Einigkeit im Geist durch
das Band des Friedens, wenn Gemeinschaften sich auf den Weg
zu einer Gemeinschaftsgemeinde aufmachen? Wenn wir als
CVJM und Kirchengemeinderat immer wieder darum ringen, wie
wir das Zusammenleben so gestalten, dass Menschen mit unter-
schiedlichen Vorstellungen und Erwartungen unter dem Dach der
Landeskirche eine Heimat finden. Ein Leib, aber was heißt das für
uns konkret?
Ein Glaube – und wie schwer tun wir uns damit, die Glaubensfor-
mulierungen der Väter im Glauben heute nachzusprechen. Im
Konfirmandenunterricht steht Euch das ja noch bevor. Da gibt es
ganz einfach erzählende Formulierungen vom Weg Jesu in dieser
Welt und solche, die uns heute in ihrer Schlichtheit ganz weltfremd
erscheinen. An denen beißen sich nicht nur die Konfirmanden die
Zähne aus, wenn Ihr sie nicht einfach links liegen lasst und freund-
lich überhört, weil ihr da eh für überholt haltet. Mein Glaube – das
was ich heute verstehen und mitsprechen kann – nur das bin ich
bereit als meinen Glauben zu bekennen, und darüber zerfällt der
eine Glaube der Kirche in viele Glaubensaussagen vieler
Christenmenschen. Ein Glaube?
 
Ähnlich erlebe ich die Zurückhaltung mancher Eltern bei der Taufe.
Eine Taufe – und doch verstehen wir sie auch innerhalb unserer
Gemeinde durchaus unterschiedlich. Reicht das an Zusage Got-
tes, was wir den Täuflingen zusagen, oder wird die Taufe erst
gültig, wenn sie auch mit ihrem Glauben eine richtige Antwort
darauf gibt. Braucht es also nicht doch so etwas wie eine Glau-
benstaufe?  Ich vermute hier gibt es nicht nur im Kirchengemein-
derat, sondern auch in unserer Landessynode durchaus unter-
schiedliche Richtungen.
Wir müssen also gar nicht auf die Ebene der persönlichen
Abneigungen und unserer persönlichen Vorlieben stehen
bleiben. Wir sind in der Kirche – habe ich den Eindruck – auch
gut darin, solche Abneigungen theologisch zu überbauen, zu
überhöhen. Ich beobachte das jedenfalls bei mir. Und manchmal
bin ich leider richtig gut darin.
Was aber kann das Band des Friedens unter den Christenmen-
schen und Christengemeinden in der Welt schaffen, das uns ei-
nander in der vorfindlichen Vielfalt ertragen lässt?  
Wir könnten es uns einfach gesagt sein lassen. Von oben her-
ab gewissermaßen wird entschieden was es heißt ein Leib zu sein,
einen Glauben zu Glauben und eine Taufe zu feiern. Aber dieser
Weg funktioniert nun einmal in der evangelischen Kirche seit über
450 Jahren nicht so recht, weil eben jeder sein eigener Luther ist,
weil es die Entdeckung der Moderne ist, dass jeder seinen Glau-
ben selbst formulieren und verantworten zu müssen meint. Der
hierarchische und auch der kirchenrechtliche Weg sind offen-
sichtlich nicht wirklich hilfreich, wenn Menschen das Bedürfnis
haben, eine eigene Gemeinde zu gründen, in der sie ja faktisch
schon leben.
Wir könnten theologisch argumentieren. Die Formulierung zur
Jungfrauengeburt in unserem Glaubensbekenntnis treibt zu immer
neuen Blüten dieser Diskussion an, ohne die Herzen der Men-
schen wirklich zu erreichen. Die Zurückhaltung mancher Ge-
meindeglieder gegenüber der Kindertaufe macht dies überdeutlich.  
 
Ein Leib, ein Glaube, eine Taufe, weder durch Entscheidungen
von oben noch durch noch so geschickte theologische Ar-
gumentation oder auch seelsorgerliche Gesprächsführung
werden diese Ziele Wirklichkeit werden.  Den Überdruss der
Kolleginnen und Kollegen in der Dienstbesprechung kann ich ver-
stehen. Das scheint ein unerreichbares Ziel. Da bleiben wir bei
aller Berufung in unsere jeweiligen Ämter hoffnungslos überfordert.  
Und was dann? So kann und will ich Sie und mich ja nicht in die-
sen Sonntag entlassen. Eine eindrückliche Erfahrung aus einem
Urlaub hat mir wieder in Erinnerung gebracht. Mitten in dem touris-
tischen Trubel der Tarnschlucht in Südfrankreich zwischen Motor-
radbikern und Kanutouren feierte  die örtliche katholische Gemein-
de Sonntagsgottesdienst. In einer alten schwach beleuchteten,
romanischen Kirche versammelt sich die Gemeinde zum Gottes-
dienst, zur Messe. Wie wird es mir da als evangelischem Pfarrer
gehen?  Französisch kann ich nicht wirklich, doch als der Pfarrer
mit der Predigt beginnt, verstehe ich, dass es um den Text vom
Petrusbekenntnis geht. Oh, denke ich, ob der jetzt vom Primat
des Papstes spricht. Aber das ist nicht sein Thema: Auch Du bist
eingeladen zu einem ganz persönlichen Verhältnis zu diesem Je-
sus Christus. So nimmt er das Messiasbekenntnis aus dem Mar-
kusevangelium auf. So richtig verstanden habe ich es nicht. Aber
etwas ist in mir angerührt. Beim gemeinsamen Sprechen des Va-
terunsers jeder der Gäste in seiner Sprache geht es weiter. Und
als die Gemeinde ohne Begleitung durch eine Orgel ein einfaches
Lied anstimmt, kann ich mich einschwingen lassen auf die mir ir-
gendwie bekannte Melodie.  Ich fühle mich sogar  willkommen, das
Abendmahl mitzufeiern – trotz aller theologischen Unterschiede.
Vielleicht kennen Sie ähnliche Erfahrungen aus Ihren Urlaubsrei-
sen? Was ist da bloß geschehen? Was geschieht in solchen
Momenten, in denen wir bei allen Unterschieden Einigkeit im
Geist durch das Band des Friedens erleben?
Vielleicht ist es wirklich dieser eine Gott, vor den wir uns als
Menschen im Gottesdienst stellen, der Gott der unser Vater
ist und vielleicht auch unsere Mutter über allen und durch alle 
und in allen, vielleicht ist es allein dieser Gott, der das Band
der Einigkeit im Geist schaffen kann.  
Es mag für manch einen von Ihnen ja wirklich nicht immer leicht
sein mit einem von uns Pfarrern Gottesdienst zu feiern, wenn es
gerade einen offenen oder verdeckten Konflikt gibt, und ich will
gerne offen gestehen, dass auch mir das dann nicht leicht fällt.
Aber wenn es trotzdem gelingt gemeinsam vor Gott zu stehen,
verändert sich für mich etwas. Trennendes, vielleicht sogar schwer
Erträgliches tritt zurück und das Band der Einigkeit im Geist wird
spürbar. Ich wünsche Ihnen und mir immer wieder solche Erfah-
rungen des einenden Geistes Gottes unter dem einen Herrn der
Kirche, Jesus Christus. Amen.
Lied  Strahlen brechen viele        EG 268,1-5  

Referent beim Dekan in Münsingen
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