Pfarrer Thomas Lehnardt

Predigttext und Predigt zu Mt 21,1-9

Wie soll der aussehen, den Ihr begeistert empfangen würdet? Was soll das für einer sein, dem Ihr die Tür Eures Herzens weit aufmachen würdet? Was ist das für ein Typ, auf den oder die Sie in Ihrem Leben im Grunde Ihres Herzens warten?

 

Sollte das ein ganz softer sein? So ein sanftmütiger, verständnisvoller Typ, der sich gut einfühlen kann, wie es Euch, wie es Ihnen gerade geht. Der spürt wie es um Euch bestellt ist mit all dem Auf und Ab von Gefühlen, die einen manchmal überkommen können, ohne dass man selber verstehen würde woher das nun wieder kommt. Der die richtigen Worte findet, wenn es drauf ankommt, und der auch mal den Mund halten kann, wenn es gerade besser ist, einfach nichts zu sagen. Der nicht immer schon eine Lösung weiß, sondern auch einfach mal aushält, dass es gerade nicht so gut geht. Mit dem man sogar shoppen gehen kann und der dabei nicht nur die Geduld nicht verliert, sondern sogar die Einkaufstaschen trägt. Der es aber auch aushält, wenn ihr ihn gerade nicht so brauchen könnt und lieber mit Euren Freunden oder Freundinnen abhängen wollt oder noch 184 Mails checken müsst.

 

Oder sollte der eher cool sein – der für den ihr euch begeistern würdet? So einer oder eine, die sich nicht nach den anderen zu richten scheint, sondern vorgibt, wonach die anderen sich richten. So einer, der Trends setzt, so eine, die genau weiß, was gerade angesagt ist und sich selbst nie in Frage zu stellen scheint. So einer, der im Strom der Gruppenmeinung schwimmt und niemals anzuecken scheint, der gerade dadurch den Meinungsstrom in Eurer Gruppe, Eurem Freundeskreis doch auch lenken kann. Ich weiß ja nicht, ob Ihr Euren Chorleiter, den Herrn Lust, in diesem Sinne als cool erlebt. Einen, der ansagt, was jetzt Sache ist, und dem Ihr dennoch gerne folgt.

 

Oder darf derjenige, für den ihr Euch begeistert, auch ein wenig stressig – ein wenig fordernd sein? Wie wäre das mit jemandem, der Euch / der Ihnen sagen würde, wo es langgeht und auch erwarten würde, dass Ihr / dass Sie den Weg einschlagen, den er Ihnen vorgibt? Einem, der die Richtung ansagt und Gefolgschaft erwartet. Einen, von dem man deutlich wissen kann, woran man ist. Einer, die manchmal deutlich sagen kann, wo’s lang geht und ohne endlose Diskussionen erwartet, dass Du, dass Sie da auch langgehen.

 

Wie soll der aussehen, den ihr begeistert empfangen würdet? Was soll das für einer sein, dem Ihr / dem Sie die Tür Eures Herzens weit aufmachen würdet?

 

Hören wir von einem, der auf uns zu kommt, auf dessen Kommen wir uns in den nächsten Wochen einstellen zwischen, neben und trotz all unserer Weihnachtsfestvorbereitungen. Hören wir auf die eigentlich ganz und gar nicht weihnachtliche Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem wenige Tage vor seinem Tod am Kreuz.

 

1 Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus 2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! 3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen.

4 Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): 5 »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.«

6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, 7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf und er setzte sich darauf.

8 Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.

9 Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

 

„Siehe, Dein König kommt sanftmütig und reitet auf einem Esel“ – mit einem soften Jesus scheinen wir uns eingerichtet zu haben in unseren Vorstellungen von dem, der da auf uns zukommt, der da bei uns einzieht. So ein softer Jesus passt ja auch irgendwie in die sanfte Stimmung eines Weihnachtsmarkts.

 

In der Nacht vor seinem großen Auftritt hat er sich nicht schon mal ins Getümmel der vielen Tausend Pilger gestürzt, die zum Passafest nach Jerusalem gekommen sind, um ein wenig Atmosphäre zu schnuppern. Keine Party, sondern stille Vorbereitung. Es bleibt in einem Dorf jenseits des Ölbergs in Sichtweite der Goldenen Stadt, vielleicht bei Martha und Maria, den Schwestern des Lazarus. Sie kennen vielleicht die Geschichte. Biblische Landeskunde legt solche Einfälle nahe.

 

Ganz ruhig gibt er am nächsten Morgen zwei seiner Jünger Anweisungen, wo sie die Eselin und ihr Jungtier finden, das sie zu ihm bringen sollen. Auch dem möglichen Widerspruch nimmt er von vornherein allen Wind aus den Segeln. „Der Her bedarf ihrer“ – damit er das Wort des Propheten Sacharja recht in Szene setzen kann – Herr Schwenkedel hat es uns gerade vom Altar als Schriftlesung gelesen. Eine richtige Inszenierung eines Bibelwortes scheint da vorbereitet zu werden.

 

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.

 

Eben nicht hoch zu Ross, wie man es von einem König oder seinem Vertreter erwarten würde, sondern wie ein Prophet auf dem Esel kommt dieser besondere König daher. Mit einem türkischen Taxi wollte Papst Franziskus ganz bescheiden beim türkischen Ministerpräsidenten vorfahren. Das war zuviel für’s Protokoll. Das ging gar nicht.

 

Sanft, freundlich und mild so zieht Jesus auf dem Esel sitzend in Jerusalem ein - jedenfalls zeichnet uns der Evangelist Matthäus dieses Bild. Dass es dabei in den engen Gassen von Jerusalem bei den vielen Menschen ein ganz schönes Gedränge gegeben haben wird, kann ich mir gut vorstellen. Die jubelnden Menschen säumen nicht seinen Weg, sondern haben nur vor oder nach ihm Platz. Stellt Euch vor, nachher wenn auf dem Weihnachtsmarkt kein Durchkommen mehr ist, wollte einer mit dem Esel da durchreiten.

 

Und dieser König sitzt auf einem Esel. Keiner, der als König mit seinen Soldaten dreinschlagen würde, keiner der mit einem scharfen Wort in Verhandlungen einen Konflikt verschärfen würde. Eher eben einer, der mit seinen milden Worten, kein Öl ins Feuer gießt, sondern dem es gelingt heiße Konflikte mit sanften Worten zu befrieden und das Feuer zu löschen. Also doch so ein ganz softer Jesus der da auf uns zukommt, für den wir uns begeistern sollen, den wir in der tiefe unseres Herzens erwarten?

 

So richtig cool wirkt so einer ja nicht auf mich – ehrlich gesagt. Also diejenigen von Euch, die reiten, werden doch wahrscheinlich auch lieber auf einem richtigen Pferd sitzen als auf einem solchen Esel, bei dem man mit seinen langen Beinen unter Umständen sogar den Boden berührt. Pferd ist schon was anderes als Esel oder, was meint ihr? Pferd macht einfach mehr her.

 

Und ich wünsche mir bei all den unlösbaren Konflikten in dieser Welt manchmal schon einen Gott, der mit Macht für Gerechtigkeit und Frieden sorgt in dieser Welt. Wie sollen denn sonst die selbsternannten Gotteskrieger des islamischen Staates gestoppt werden oder gewalttätige christliche Gruppen.

 

Aber die Menschen damals scheint das nicht gestört zu haben. Als Nachfolger des König Davids begrüßen sie ihn jubelnd: Hosianna dem Sohn Davids. Und dann folgt der Wechselgesang aus der Pilgerliturgie, mit der die ankommenden Tempelbesucher begrüßt werden: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

 

Aus dem hebräischen Hilferuf der biblischen Gebete „Hosianna“ „Herr, hilf doch“ ist ein Jubelruf geworden. Hosianna dem Sohn Davids.

 

Irgendwie doch ein cooler Typ dieser Jesus, dem es gelingt in seiner Art die Menschen um ihn herum für sich einzunehmen und die Meinung zu beeinflussen. Der in seiner soften Art ganz geschickt die Massen beeinflussen kann.

 

Aber so soft und so cool wird es nicht weitergehen. In den nächsten Versen weiß der Evangelist Matthäus davon zu erzählen, dass Jesus in den Tempel geht und die Tische der Wechsler und der Taubenhändler umwirft. Den Tauben wird das nicht gefallen haben und den Tierschützern auch nicht, den Bankern auch nicht und der Tempelaufsicht, den Referenten und Oberpriestern schon gar nicht. Ganz schön wütend und gar nicht soft kann dieser Jesus auch daher kommen und für das eintreten, was er für gerecht hält.

 

Von Gerechtigkeit war da im Prophetenwort bei Sacharja auch die Rede und für Gerechtigkeit muss man manchmal wohl wirklich auch hinstehen und eintreten. Dieser Jesus kann auch ganz schön stressig sein – es ist gut, wenn wir das bei aller advents- und weihnachtsseeligen Sanftmütigkeit nicht vergessen. Dieser Jesus – so erzählt es uns der Evangelist – lässt in den Diskussionen mit seinen Streitpartnern nicht mit sich handeln, sondern behält immer das letzte Wort. Ganz schön rechthaberisch und einseitig wirkt das auf mich. Stellt Euch vor, mit so einem kann man nicht wirklich verhandeln, wann man wieder zu Hause sein oder in Bett gehen muss.

 

Und manchmal brauchen wir wohl nicht nur den sanftmütigen soften Typen, manchmal brauchen wir denjenigen, der auf uns zukommt und uns sagt, wo die Grenzen sind und es nicht geht, dass wir sie überschreiten. Manchmal brauchen wir es, dass uns einer sagt, wo’s langgeht, nicht nur als Kinder und Jugendlich vielleicht durch Eltern oder Lehrer, sondern auch als Eltern und Erwachsene – auch wenn das gar nicht so bequem ist.

 

Der König, der da etwas soft anmutend auf dem Esel daherkommt, den wir in unsere Gottesdienste und Weihnachtsfeiern als Kleinkind so geschickt in Windeln wickeln und in der Krippe ablegen, der kann ganz schön stressig und uncool sein.

 

Wie sieht der aus, den wir erwarten? Wie sieht dieser Gott aus, dessen Kommen wir in diesen Adventstagen erwarten, auf den wir uns einstellen? Ich bin gespannt, welche Erfahrungen ich mit Gott machen werde. Ich wünsche Euch und Ihnen, dass sie, dass ihr die Augen, Ohren du Eure Herzen aufmachen könnt, für diesen Jesus Christus, der immer wieder überraschen neue Seiten hat.

Amen

Pfarrer Thomas Lehnardt thomas.lehnardtdontospamme@gowaway.elkw.de