Die Geretteten am Ufer des gläsernen Meeres
stimmen das Lied des Lebens an


Predigt zu Offenbarung 15,2-4


Münsingen Martinskirche , 18.5.2014, Sonntag Kantate


Es gilt das gesprochene Wort!
Wer das Tier war, das das Leben der Christen bedrohte, und wie sein Bild aussah, das überall gegenwärtig in den Amtsstuben der Verwaltungen und den Wohnzimmern der Menschen hing, war allen klar – damals in den Jahren nach dem letzten Krieg und dem Ende der Nazigewaltherrschaft. Und auch die Zahl seines Namens musste man nicht erst kompliziert aus der antiken Welt in die modernen Zeiten übertragen.
Der Krieg war vorbei und die Naziideologie hatte sich als grausamer Irrtum erwiesen für die jungen Männer, die in der Bibelstunde des CVJM nach neuer Orientierung suchten. In diesen Jahren legte ein Pfarrer, der in der Nazizeit zur bekennenden Kirche gehört hatte, die Worte und Bilder dieses Buches aus.
So wie mein Vater mir von seinen Erfahrungen mit dem Buch der Offenbarung als junger Mann berichtete, habe ich begriffen, dass es offenbar bestimmte Zeiten gibt, in denen sich biblische Botschaften ganz unmittelbar erschließen. Nicht als Hinweise über eine mehr oder weniger ferne Zukunft, sondern als Deutung der Gegenwart. Eine ganz andere Situation, in der wir das letzte Buch der Bibel heute lesen.
Hören wir hinein in den Predigttext aus dem 15. Buch der Offenbarung des Sehers Johannes:
2  Und ich sah,
und es war wie ein gläsernes Meer, mit Feuer vermengt;
und die den Sieg behalten hatten
über das Tier und sein Bild und über die Zahl seines Namens,
die standen an dem gläsernen Meer
und hatten Gottes Harfen
3 und sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes,
und das Lied des Lammes:
Groß und wunderbar sind deine Werke,
Herr, allmächtiger Gott!
Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege,
du König der Völker.
4  Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten
und deinen Namen nicht preisen?
Denn du allein bist heilig!
Ja, alle Völker werden kommen und anbeten vor dir,
denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden.
„Alles ist vom Sonnenlicht durchdrungen, changierendes Blau er-gießt sich im Raum. Eine Gruppe von Menschen versammelt sich am Ufer eines besonderen Meeres. Es ist ein gläsernes Meer, durchsichtig und klar ist sein Wasser. Dieses Meer hat  die Gegensätze des Kosmos überwunden. Dieses Meer birgt Feuer in sich, und das  Feuer erlischt nicht. Wasser und Feuer existieren Seit an Seit. Das Feuer wird nicht  vom Wasser erstickt. Dieses Meer breitet sich vor dem Thron Gottes aus; es funkelt  wie ein Kristall in lebendigen, wechselnden Farben, die sich im Licht brechen.'
Die Menschen am Ufer stelle ich mir so vor: sie wirken erschöpft, abgekämpft,  manche tragen abgerissene Kleidung, einige haben Schatten unter den Augen von zu  vielen durchwachten Nächten. Und zugleich sehen viele unheimlich glücklich aus;  ihre Gesichter haben entspannte Züge, in ihren Augen funkelt es. Sie stehen dicht  beieinander, manche halten sich an den Händen, manche stehen ganz aufrecht da.  Eine Harfe wird angestimmt, der Klang der Harfe durchdringt den Raum. Sphärische, nachhallende Klän-ge schweben durch die Luft. Wenn die Saiten der Harfen an-  geschlagen werden, entstehen zarte Töne, die ephemeren Charakter haben; ein filigraner Klangteppich entfaltet sich.
Die Gruppe stimmt ein Lied an. Sie singen ein Lied von der Schönheit Gottes: von  seiner Macht und Heiligkeit. Ein Lied von Gottes Gerechtigkeit und Treue:
„Groß und wunderbar sind deine Werke,
HERR allmächtiger Gott.
Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege,
du König der Völker.“
Große, starke Worte, getragen von sanften Tönen. Worte, die aus der Tiefe auftauchen und den Klang der Geschichte mit sich tragen. Unzählige Male von Menschen gebetet und gesungen durchdringen sie den Kosmos und hallen nach. Ein großes  Echo des Lobpreises. Und jetzt, in diesem Augenblick, wird das Lied wieder angestimmt ... „(Abschnitt übernommen von Andrea Bieler, Singen in apokalyptischer Manier, Apk 15,2-4, 18.5.2014, Kantate, GPM 68 (2014) S. 253-259, hier S. 254)
Das Bild vom gläsernen Meer zieht mich an. Ich entdecke, dass das nicht eigentlich ein Bild in ferner Zukunft ist, sondern ein Bild, das mich tief in der Seele anspricht, ein Bild, in dem meine Seele mitschwingen kann, fast so wie es Bilder aus Träumen immer wieder tun, wie aus Traumbildern immer wieder unsere Seele in der Tiefe mit uns spricht. Kennen Sie auch solche Bilder?
Ein gläsernes Meer – pardon, aber da kenne ich ganz andere Meere in meinem Leben und in meiner Seele. Da kenne ich das aufgewühlte Meer, das der Sturm über den Sandstrand peitscht bis hin an die Dünenkante. Faszinierend anzusehen, aber ich kann mich kaum aufrecht halten, so stark bläst der Wind, und da hinein-geraten möchte ich nicht in diese Wellen, da wäre mein Untergang, mein sicherer Tod. Vielleicht können die kleinen wendigen und scheinbar unsinkbaren Seenotrettungskreuzer da noch durch-kommen. Mich als einzelnen würde es einfach wegschwemmen, ich würde untergehen und darin umkommen.
Nur schwer sind Brücken über solch aufgewühltes Wasser zu bauen. Manchmal fragt man sich nach einiger Zeit, wenn das Meer wieder ganz ruhig in regelmäßiger Brandung seine Wellen am Strand ausrollen lässt, was da vorher eigentlich gewesen ist. Dann kann diese ruhig und regelmäßig  auslaufenden Wellen am Strand die Seele in ihrer Tiefe auch wieder beruhigen. Dann kann man die Seele baumeln lassen und tief in ihr kommt etwas von der Ruhe des Aus- und Einatmens im Rhythmus der an- und ablaufenden Wellen an. Wenn dazu noch die Sonne als glutroter Ball am Horizont untergeht, tut das selbst uns manchmal etwas wenig emotionalen Männern gut. Oder? Und doch behalten wir eine Ahnung von der aufwühlenden Macht des Meeres auch an solchen Tagen.
Und dahinein, in diese Erfahrungen wird uns das Bild des gläsernen Meeres gesagt: Zunächst habe ich, der als Kind das nur die immer etwas vom Sand trübe Nordsee kannte, an das durchsichtige klare Wasser des Mittelmeeres mit seinen Felsenküsten gedacht. Das ist ja schon eine beglückende Erfahrung, wenn man plötzlich von einem Steg oder einem Boot aus auf den Grund des Meeres schauen kann, wenn man Sand und Felsen, vielleicht sogar ein paar Fische sehen kann. Kaum zu glauben, dass das Meer auch so sei kann. So ganz anders als ich es kannte. Durchsichtig, vielleicht sogar vorhersehbar. Nun ja auch dieses Mittelmeer kann stürmisch sein und den Schiffen feind – der Pro-phet Jona und der Apostel Paulus, bei haben auch auf dem sonst so lieblichen Mittelmeer in stürmischen Zeiten Schiffbruch erlitten.
Geht es dem Seher Johannes also mit seinem Bild vom gläsernen Meer doch noch einmal um etwas anderes? Darum vielleicht, dass diese Macht der Urfluten in der Welt und eben auch in unser Seele ein für alle Mal gebändigt sind und nicht mehr überschwappen können? Dass dieses Meer am Ende nicht nur durchschaubar und verständlich ist, wie Wasser in einem Glas, sondern auch von oben gedeckelt gewissermaßen, so dass es eine bedrohliche Macht verliert und die Schönheit den Blick an-zieht. Können Sie sich ein solches Meer in ihrer Seele vorstellen. Was löst dieses Bild in Ihnen aus?
An den Gestaden, am Strand dieses Meeres steht noch einmal das Volk Israel, gerade der Verfolgung durch das Heer des Pharao entronnen, in die Freiheit des Weges ins gelobte Land entlassen, und Mose und Miriam – nicht zu vergessen – singen Gott ein Lied. Links und rechts standen die Wassermassen wie eine Mauer und machten  ihnen einen Weg mitten durch das bedrohliche Meer. Heil am anderen Ufer angekommen beginnt Mose zu singen:
Ich will dem Herrn singen, denn er hat eine herrliche tat ge-tan, Roß und Reiter hat er ins Meer gestürzt. Der Herr ist meine Stärke und mein Lobgesang und ist mein Heil. Das ist mein Gott, ich will ihn preisen, er ist meines Vaters Gott, ich will ihn erheben.
Manchmal so scheint es, können wir unser Erleben nur im Lied stimmig ausdrücken. Geliehene Worte von denen, die uns im Glauben vorangegangene sind. Die mit Gottes Hilfe überstandene Gefahr scheint eine solche Gelegenheit zu sein.
Das Heil, das uns tief in unserer Seele an Karfreitag und Ostern widerfährt, ist wohl eine ähnliche Gelegenheit. Und so singen die Geretteten am gläsernen Meer am Ende das Lied des Lammes.  Die Erfahrungen des aufgewühlten, des lebensbe-drohlichen Meeres sind darin nicht vergessen. Wie könnten sie das auch? Hat sich das Lamm doch zur Schlachtbank führen lassen und unser Leid auf sich genommen, ist unseren Tod gestorben. Aber jetzt trägt es eben das Kreuzbanner, die Fahne mit dem Kreuz als Zeichen des Sieges und der Macht, die den Tod überwand. Allem Lebensbedrohlichen ist die letzte Macht genommen.
Geht es ihnen auch so, dass Ihnen manchmal das Herz übergeht und ein Lied auf die Lippen bringt.  Das Lied, das wir anstimmen, wird vielleicht nicht nur strahlend helle Töne und eine fröhliche Melodie haben. Es wird von den unterschiedlichen Erfahrungen unseres Lebens geprägt sein – in Moll und in Dur. Aber ich will mich anstecken lassen, zunächst ganz vorsichtig vielleicht, aber dann immer lauter in das Lob Gottes:
Groß und wunderbar sind deine Werke,
Herr, allmächtiger Gott!
Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege,
du König der Völker.
Ja, liebe Gemeinde, gerade wenn es hoch her geht, wenn Sturm die Wellen treibt und das Meer aufwühlen, wenn wir in Konflikten einen Weg suchen, in der Gemeinde, in der Schule, im Kirchenbezirk und in unserer Stadt oder auch daheim, dann mag ich mich in der Tiefe meiner Seele an das Bild vom gläsernen Meer halten, an dem wir am Ende miteinander stehen und Gott für die Bewahrung in Not und für seine Güte und Gnade danken. Vielleicht geht es Ihnen ja ähnlich. Und dabei nützt es mir wenig auf das Ende der Tage zu hoffen, dann brauche ich die Ermutigung zu sehen, was heute geschieht. Daran will ich mich von Paul Gerhard gerne erinnern lassen. Auf, auf mein Herz, mit Freuden, nimm wahr, was heut geschieht. Amen.

Lied nach der Predigt    EG 112,1.6-7
    Auf, Auf mein Herz mit Freuden

 

Pfarrer Thomas Lehnardt