Pfarrerin Daniela Janke

Alle Wege führen nach Ninive

Der Prophet Jona

 

Liebe Gemeinde, in diesem Sommer habe ich einen wunderschönen Urlaub auf Usedom verbringen dürfen. Zwei Wochen nur Sonnenschein, die Weite des Meeres – Erholung pur. Regen gab es dort auch, aber – was gibt es Besseres – nur nachts. Es war wirklich eine schöne Reise – so gar nicht zu vergleichen mit der Reise, die der Prophet Jona antreten soll. Das lag sicher daran, dass Jona seine Reise so ganz und gar nicht freiwillig angetreten hat und dass sie mit einem ganz unangenehmen Auftrag verbunden war: Der Stadt Ninive soll Jona von Gott den Untergang vorhersagen.

Hören Sie den Beginn der Jona-Erzählung: 

Wie schön war aus der Fern und Näh,
wie schön war die Stadt Ninive!
Sie hatte Mauern, stark und dick.
Die Wächter machten Blasmusik.
Ein Stadttor war aus blauen Ziegeln
mit schwerer Tür und goldenen Riegeln,
davor zwölf bärtige Soldaten
von einem Bein aufs andre traten.
Die Häuser waren schön und bunt,
die Türme spitz, die Türen rund.

Und Gott sah aus von seiner Höh
und sah auf die Stadt Ninive.
Die schöne Stadt, sie macht´ ihm Sorgen,
die Bosheit blieb ihm nicht verborgen.
Da tranken sie. Da aßen sie.
Die Hungernden vergaßen sie.
Der König schickte die Soldaten,
die plünderten in fremden Staaten.

„Los, Jona“, sprach der Herr, „nun geh
auf schnellstem Weg nach Ninive!
Sag ihr mein Wort! Sei mein Prophet,
weil es dort leider übel steht
Da hilft nur eine kräftige Predigt,
sonst ist die schöne Stadt erledigt!“

Jona bekommt einen Auftrag, den Menschen in der Stadt Ninive zu sagen, dass Gott ihr Leben und Handeln ganz und gar nicht gefällt. Ja, dass Gott die Stadt mit ihren 120 000 Bewohnern vernichten wird, wenn sie nicht ihren Lebenswandel ändern werden.

Jona ist entsetzt über diesen Auftrag – naheliegend wäre anzunehmen, dass Jona sich vor der Reaktion der Menschen in Ninive fürchtete. Außerdem liegt Ninive im Ausland, wo man auch andere Götter verehrte als in Israel.
Jona selber sagt aber später, dass er sich schon gleich bei diesem Auftrag gedacht habe, dass Gott die in Aussicht gestellte Bestrafung sicher nicht durchziehen würde, dass Gott doch viel zu gnädig und barmherzig sei.

Auch heute noch spricht Gott zu uns, hat Aufgaben und Aufträge für uns. Sicher nicht den Auftrag, einer Großstadt ihren Untergang vorherzusagen, aber doch auch Aufgaben Aufträge für unsere persönliche Lebensgestaltung.

Da gilt es, Gottes Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung ernst zu nehmen und umzusetzen,
da gilt es, nicht zu schweigen, wenn anderen Unrecht geschieht,
sich einzusetzen für Menschen, die benachteiligt sind, da gilt es, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn Entscheidungen alles andere als einfach sind.

Und genau wie Jona suchen auch wir Ausflüchte. Jona sucht sich ein Schiff, das ihn möglichst weit weg bringen soll.
Unser Schiff, mit dem wir fliehen heißt Bequemlichkeit, Ablenkung, Ausreden, Ignorieren, Wegsehen.
Jona will über das Meer fliehen und er findet ein Schiff, dass genau in die entgegengesetzte Richtung von Ninive in die spanische Stadt Tarsis fährt. Bis an das Ende der damals bekannten Welt wollte er fliehen.
Und jetzt wird es dramatisch. Nachdem anfänglich die Fahrt so gut verläuft, dass sich Jona hinlegt und einschläft, geschieht plötzlich folgendes:

Auf einmal gab es einen Stoß.
Das Schiff stand schief. Ein Sturm brach los.
Das Schiff, es wurde hochgehoben
und zeigte manchmal steil nach oben.
Den armen Leuten auf dem Schiff
war bange, als der Sturmwind pfiff.
Zu Jona lief der Kapitän
und bat ihn, endlich aufzustehn.
„Auf! Auf!“ befahl er dem Propheten,
„wenn du es kannst, dann hilf uns beten!“
Inzwischen sagten die Matrosen,
sie wollten miteinander losen.
Wer nun das schwarze Los bekäm
der wäre schuld an alledem.
Und Jona zog das schwarze Los.
Und jeder sprach: „Wer ist das bloß?“
„Ich bin,“ sprach Jona, „ein Hebräer.
Ich flieh – und doch kommt Gott mir näher.
Ja, Gott, dem bin ich wohlbekannt.
Hat mich nach Ninive gesandt.
Da bin ich vor ihm ausgerissen
und werd nun wohl ertrinken müssen.“

Er war zum Glück kein schlechter Schwimmer,
doch bis nach Hause – nie und nimmer!
Da plötzlich teilten sich die Wogen.
Es kam ein großer Fisch gezogen.
Dem hatte Gott der Herr befohlen,
den nassen Jona heimzuholen.          

 Er saugte den Propheten ein.
Der rutschte in den Bauch hinein.
Dort saß er, glitschig, aber froh:
denn nass war er ja sowieso.

Liebe Gemeinde, was sich hier in der Ballade über Jona so fröhlich und märchenhaft anhört, wirkt natürlich auch in der biblischen Erzählung sehr unglaubwürdig:
Da gibt es aus dem Nichts einen Sturm und ein riesiges Unwetter,
da fällt das Los tatsächlich auf Jona,
und schließlich wird Jona von einem großen Fisch verschluckt – dass es ein Wal sein soll, steht übrigens nicht in der Bibel – und Jona überlebt im Bauch des Fisches, er betet dort und wird nach drei Tagen unbeschadet wieder ausgespuckt. Das ist so unglaublich, dass vermutlich viele diese Geschichte von Jona als ein nettes Märchen für Kinder abtun. Aber hinter all diesen unglaublichen Geschehnissen steckt ja eines: Gott handelt.
Gott handelt und lenkt das Leben des Jona. Jona ist Gott nicht egal. Gott hätte ja auch einen anderen, einen bereitwilligeren Propheten berufen können, stattdessen tut er alles, damit Jona das Handeln Gottes versteht und annimmt. Darum geht es. Und das Lernen des Jona ist noch nicht zu Ende. In Ninive, wo ihn seine Reise dann eben doch hinführt, geht es weiter:

Da ging er los und floh nicht mehr.
Viel Tag und Nächte wandert´ er.
Er kam ans Tor und ging hinein.
Die Stadt war groß, er war allein.
Und trotzdem fasste er sich Mut,
hielt seine Predigt, kurz und gut,
und rief auf Plätzen und auf Straßen,
wo Leute standen oder saßen:

„Noch vierzig Tage, spricht der Herr,
dann gibt es Ninive nicht mehr.
Die Stadt ist groß. Die Stadt ist schön.
Was böse ist, muss untergehn.“
Die Leute, wie man denken kann,
die hörten das mit Schrecken an.
Sie hatten nie daran gedacht
und schliefen nicht die nächste Nacht.
Sie aßen nicht. Sie tranken nicht.
Sie dachten nur ans Strafgericht.
Und als der König das erfuhr,
erschrak er auch und nickte nur.
Er zog den Purpurmantel aus
und schickte seinen Koch nach Haus.
Vielleicht ist es noch nicht zu spät,
dass unsre Stadt nicht untergeht.“

Und Gott sah aus von seiner Höh
und sah auf die Stadt Ninive
und sah die traurigen Gestalten
und sprach: „Ich will die Stadt erhalten.“
Da waren alle Leute froh
und ihre Tier ebenso.
Nur Jona nicht. Den packt´ die Wut.
Er sprach zu Gott: „Du bist zu gut!
Das hab ich nun von meiner Predigt
die böse Stadt bleibt unbeschädigt.
Ich hatte mir das gleich gedacht,
mich deshalb aus dem Staub gemacht.“

Das Unfassbare geschieht, liebe Gemeinde:

Die Menschen in Ninive kehren um, sie beginnen an Gott zu glauben und ändern ihren Lebenswandel. Selbst der König akzeptiert die Macht Gottes und legt seine kostbaren Gewänder ab, setzt sich in Asche und fastet. Welch ein Erfolg für einen Propheten! Nur wenige Propheten im Alten Testament haben das erleben dürfen, dass die Menschen aufgrund ihrer Mahnworte sich wirklich änderten, umkehrten und zu Gott fanden.

Und Gott lässt die Umkehr zu. Er vernichtet die Stadt nicht.

Eigentlich könnte damit die Geschichte von Jona auch zu Ende sein. Als Erfolgsgeschichte eines Propheten, der sich auf eine weite und abenteuerliche Reise begeben hatte und mit seinem Prophetenwort eine große Stadt vor dem Untergang bewahrt hat.

Aber in der Geschichte von Jona geht es noch um etwas anderes. Es geht darum, dass Jona selbst Gottes Handeln begreifen und akzeptieren soll. Und das ist für ihn ein langer Weg, eine innere Reise.

Denn Jona ist über das Wirken Gottes alles andere als glücklich. Richtig sauer ist er, zornig und wütend. Wenn er in Gottes Namen nun schon das Unheil für die Stadt angekündigt hat, dann soll es doch auch bitteschön eintreten.
Er erwartet, dass das Wort Gottes sich erfüllen muss – egal, was die Menschen auch versuchen, um Gott umzustimmen.
Er erwartet, dass das schlechte Verhalten der Menschen in Ninive Konsequenzen haben muss.

Das kennen wir doch auch, liebe Gemeinde. Auch wir wünschen uns doch, dass es den Schlechten endlich einmal schlecht gehen soll.
Oder könnten wir uns freuen, wenn sich bei unseren Feinden alles zum Guten wenden würde, während es in unserer Familie immer schlimmer wird?
Oder wie ist das bei uns: Ist uns unser Wohlbefinden nicht auch wichtiger als die Errettung verlorener Menschen?
Wie sehr berührt es uns, wenn andere verloren gehen?
Ärgern wir uns auch zu Tode, wenn uns Gott Angenehmes einfach wegnimmt?
Ist uns unsere Annehmlichkeit auch wichtiger, als die Errettung anderer?

Jona muss am Ende der Geschichte nämlich genau das erleben: Als er sich beleidigt und wütend aus der Stadt zurückzieht, erlebt er, dass Gott eine große Staude wachsen lässt unter der er wohltuenden Schatten findet. Das freut Jona. Doch die Freude Jonas währt nicht lange. Über Nacht lässt Gott einen Wurm kommen, der die Staude so beschädigt, dass sie verdorrt. Und als die Sonne am nächsten Tag auf Jona unbarmherzig niederbrennt, da ist er so am Ende, dass er am liebsten sterben möchte.

 

Da sprach Gott zu ihm ein gutes Wort:
„Jetzt weinst du, weil dein Baum verdorrt,
den du nicht wachsen lassen kannst
und den du nicht mal selbst gepflanzt.
Da sollte ich nicht traurig werden,
wenn meine Kinder dort auf Erden
verderben und zugrunde gehen,
weil sie mein Wort nicht gut verstehn?
Da sollte ich die Stadt nicht schonen,
in der so viele Menschen wohnen,
so viele Eltern, viele Kinder,
so viele arme, dumme Sünder,
so viele fröhliche Gesellen -
dazu die Tiere in den Ställen!
Vielleicht für dich zum guten Schluss
wächst bald ein neuer Rizinus.
Bestimmt, du wirst dich an dem neuen
genauso wie am alten freuen.
Dann denke: So in seiner Höh
freut sich der Herr an Ninive.“

Gott will Jona und damit auch uns, die wir die Geschichte heute hören, mit allen Mitteln begreifbar machen, dass seine Liebe zu seinen Geschöpfen an erster Stelle steht.
Unser Gott ist ein Gott der Gnade, der als Gott des Rechts zur Umkehr bewegt und sich darin als Gott der Vergebung und des Strafverzichts erweist, weil er ein Gott der grenzenlosen Liebe zu allem Lebendigen ist.
Von dieser Liebe lebt auch der Prophet. In diese Einsicht ergibt sich Jona am Ende des Buches und schweigt.

Liebe Gemeinde, was sich durch diese ganze abenteuerliche Reise des Jona hindurchzieht, das ist die unendliche Liebe des Schöpfergottes, der sich nicht zu gut dafür ist, auch einmal seine Meinung zu ändern, Umkehr zuzulassen und gnädig zu sein.

Mögen auch wir das auf unserer Lebensreise immer wieder erleben: Gottes Liebe, seine Gnade und Barmherzigkeit.

Amen.
(
Mit Zitaten aus der Ballade von Klaus-Peter Hertzsch: Der Fisch war voll Gesang )

Pfarrerin Daniela Janke
Gartenstr. 15
72525 Münsingen- Böttingen
Mail: pfarramt.boettingendontospamme@gowaway.elkw.de

Pfarrerin Marlies Haist

Pfarrerin Marlies Haist

Befohlener Aufbruch, markierte Umleitungen
D
er Auszug aus Ägypten

Liebe Gemeinde!

Reisen bildet, sagt man. Reisen erweitert den Horizont. Auch das Risiko gehört dazu. Doch „seien wir ehrlich“ – schrieb Erich Kästner in einem Gedicht zu Silvester: „Das Leben ist immer lebensgefährlich.“

In der Heiligen Schrift handelt es sich allerdings nicht immer um solche Reisen, die freiwillig und mit Freuden angetreten werden, wo jemand um viele Erfahrungen reicher nach Hause zurückkehrt. Manchmal sind es auch Reisen ohne Rückkehr. Oder die Rückkehr findet erst Generationen später statt, so dass es jemanden braucht, der es denen, die aufbrechen, sagt, dass sie ihre Häuser nur verlassen, um heimzukehren in das Land ihrer Vorfahren.

Und nicht nur das: Da gibt es so eine ganz leise Erinnerung, ganz weit weg, an einen Gott, für den es weder Bild noch Denkmal gibt – nur Namen und Taten: eine ganz leise Erinnerung an den Gott, der zu Abraham sagte: „Geh, geh für dich, aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde …“ – eine ganz leise Erinnerung an den Gott, der Sarah zum Lachen brachte, - eine ganz leise Erinnerung an den Gott, an den vielleicht noch ein altes Gebet und Wiegenlied erinnert.

Die Reise, um die es heute geht, ist keinesfalls vergnügungssteuerpflichtig. Ein paar Voraussetzungen fehlen: Die Ausreisegenehmigung ist erst auf den letzten Drücker erteilt worden und das nur äußerst widerwillig, nachdem von höchster Stelle Druck ausgeübt wurde in Gestalt von zehn katastrophalen Ereignissen. Nicht einmal eine Einreisegenehmigung liegt vor. Das Ziel ist nur vom Hörensagen bekannt: „das gelobte Land“.

Die Reise vom Elend der Sklaverei in die Freiheit beginnt verheißungsvoll und ist doch voller Pannen, Komplikationen und Umwege. Es wird kräftig reklamiert, und zwar nicht unbedingt an der richtigen Stelle, aber es gibt kein Zurück. Und doch geschehen Zeichen und Wunder. Die Kindeskinder kommen schließlich ans Ziel. Ob selbst die Abenteuerlustigsten unter uns, die sich für Trekking und Wildwasser interessieren, so eine Reise buchen würden mit unbekanntem Ziel, die dann auch noch Generationen lang dauert?

Und doch wurde diese Reise von langer Hand vorbereitet – von diesem Gott, der die Vorfahren in dieses Land brachte, nach Ägypten. Über den Josef sagte, als er sich seinen Brüdern zu erkennen gab: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott hat es zum Guten gewendet.“ Sie hatten ihn erst in die Zisterne geworfen und dann als Sklaven verkauft. Jetzt sind es die Nachfahren, die in der Sklaverei leben, nachdem die großen Wohltaten des Josef beim neuen König in Vergessenheit geraten sind. Gott hat für diese Reise einen Guide berufen, einen Reiseleiter, der eigentlich gar nicht führen wollte: „Ich habe eine schwere Zunge.“ Mose. Doch die Begegnung mit dem Gott der Vorfahren, der von sich sagt: Ich werde sein, der ich sein werde - ich bin für euch da -, sorgt dafür, dass diese Reise Wirklichkeit wird. Wenn Mose die Zunge zu schwer wird, spricht sein Bruder Aaron für ihn. Und die Schwester Miriam macht das Leitungsteam komplett.

Der Pharao von Ägypten gibt, schwer geschlagen, den Hebräern endlich die Ausreisegenehmigung und dann muss es schnell gehen: Dass es beim Gepäck Übergewicht geben könnte, ist hier kein Thema, denn der Aufbruch geschieht hastig, still und heimlich, bei Nacht.

Mit gegürteten Lenden sitzt man am Tisch und feiert erstmals das Fest des Übergangs, das Passafest beim eilig gebackenen „Brot des Elends“ mit Bitterkräutern und dem Lamm, dessen Blut an den Türpfosten dafür garantieren soll, dass der Tod an diesen Häusern vorübergeht. Pessach. Vorbeigehen. Übergang. 

Gott hat Erbarmen mit seinem Volk und verhilft ihm zur Freiheit.

Gott führt sein Volk jedoch erst einmal einen langen Umweg: Die Wanderung geht nicht am Mittelmeer entlang durch das Land der Philister (das wäre der direkte Weg), sondern durch die Wüste zum Schilfmeer. Vielleicht, um zu vermeiden, dass das Volk bei den Philistern angegriffen wird und aus Furcht den Weg nach Ägypten zurückgeht.

Mose nimmt auch die Gebeine Josefs mit, wie es dieser vor seinem Tod erbeten hat. Damals sagte Josef zu seinen Brüdern: „Gott wird euch nicht vergessen. Dann müsst ihr meine Gebeine von hier mitnehmen in das Land unserer Vorfahren.“

Von Sukkot ziehen die Israeliten weiter nach Etam, wo die Wüste beginnt, und schlagen dort ihr Zeltlager auf. Noch nie sind sie aus ihrer Sklavenstadt herausgekommen und müssen jetzt Tag und Nacht auf der Wanderschaft sein. Tagsüber weist ihnen der HERR den Weg in Gestalt einer Wolkensäule und nachts leuchtet er ihnen voran als Feuersäule.

Inzwischen wird dem Pharao gemeldet, dass die Hebräer das Land verlassen haben. Da bereuen er und seine Minister , dass sie dem Drängen Moses und Aarons nachgegeben haben: Indem sie die Ausreisegenehmigung gewährten, ließen sie ihre billigen Arbeitskräfte laufen.

Da bietet der König von Ägypten seine ganze militärische Macht auf: Alle verfügbaren Streitwagen nimmt er mit, auch die sechshundert, die seine Elitetruppe bilden. Der HERR macht den König von Ägypten so starrsinnig, dass er den Hebräern in blinder Wut nachjagt. Diese sind unter dem Schutz ihres Gottes weitergezogen, doch das ägyptische Kriegsheer holt sie ein, während sie bei Pi-Hahirot gegenüber Baal-Zefon am Schilfmeer lagern.

Die Israeliten sehen das heranrückende Heer und oller Panik schreien sie beim Herrn um Hilfe. Zu Mose sagen sie aber: „Hast du uns aus Ägypten herausgeführt, damit wir hier in der Wüste sterben? Gab es in Ägypten keine Gräber? Wozu hast du uns von dort weggeführt? Haben wir nicht gleich gesagt, du sollst uns in Ruhe lassen, wir wollen lieber weiter den Ägyptern dienen? Wir wären besser Sklaven der Ägypter, als dass wir hier in der Wüste umkommen!“

Mose antwortet ihnen: „Habt keine Angst! Wartet ab und seht zu, wie der HERR euch heute retten wird. Ihr werdet Zeugen sein, wie die Ägypter die größte Niederlage ihrer Geschichte erleben. Der HERR wird für euch kämpfen – Ihr selbst braucht gar nichts zu tun.“

Und so geschieht es: Das hochgerüstete Heer des Pharao wird lächerlich gemacht. Während das Heer der entlaufenen Sklaven trockenen Fußes auf der anderen Seite des Schilfmeers anlangt, versinkt eine Weltmacht in den Fluten. 

Jetzt erkennen die Hebräer die Macht ihres Gottes. Die Reklamationen sind nicht mehr wichtig; sie fangen an, die Freiheit zu spüren und bekommen Sehnsucht nach dem Land der Verheißung.

Nein, der Weg in die Freiheit ist kein Spaziergang und auch keine All-Inclusive-Reise mit Vollpension. „Seien wir ehrlich: Das Leben ist immer lebensgefährlich.“ Durststrecken, Steine und Skorpione, Irrwege und Umwege, Ungewissheit und Ausweglosigkeit gehören zur Wanderung des Lebens dazu. Und doch hat das wandernde Gottesvolk ein Ziel: Der eine Gott, der Lebendige ist treu und verlässlich und hält Wort. Der Vater Jesu Christi begleitet und nährt sein Volk aus Juden und Christen und führt sie durch die Zeiten in die ersehnte Freiheit der Kinder Gottes.

Amen.

Pfarrerin Marlies Haist

Evangelisches Pfarramt Buttenhausen-Apfelstetten
Kirchbergstraße 8, 72525 Münsingen
Fon 07383-12 83
Mail Marlies.Haistdontospamme@gowaway.elkw.de

 

Pfarrer Joachim Sperfeldt

Versorgungsengpässe und Vollpension

Der Weg durch die Wüste

(2. Mose 16,1-3.11-18)

Liebe Schwestern und Brüder,
von der Wüstenerfahrung des Volkes Israels trennen uns nicht nur 3400 Jahre Zeitgeschichte, - von der  W ü s t e  in dieser Geschichte trennen uns auch fast 3000 Kilometer. Die Wüste ist weit weg! Was also geht uns die Wüste und mit ihr diese fremde Geschichte an? Wonach sich Israel damals sehnte – w i r  haben es im Überfluss: Fleisch und Brot, Wurst und Käse und Wein – alles, was das Herz begehrt. Wir, die wir hier sitzen, haben alle keinen Grund zum  M u r r e n! Oder wir müssten krankhaft unzufrieden und undankbar sein.

Nein, wir leben  n i c h t  in der Wüste! Jedenfalls nicht in der Wüste des Hungers. Gott sei Dank nicht! Aber so unendlich fremd ist diese Erfahrung zumindest manchen Älteren unter uns nun auch nicht. Was Hungern heißt, das haben einige noch während des Krieges und in den Jahren danach am eigenen Leib erfahren. Und auch damals ging es um nichts anderes als um das nackte Überleben. Solche Wüstenwege kennt nicht nur Israel! Und überall da, wo sich das tägliche Brot nicht  von selbst versteht, wie in den Armenhäusern dieser Erde, da wird die Forderung, das Bitten und Betteln nach Brot, zur Forderung nach Leben!

Wir wollen Brot! Das heißt: Wir wollen leben! Wenn vom Brot die Rede ist, dann ist immer schon vom Leben die Rede: nämlich von der elementaren Angewiesenheit unseres täglichen Lebens auf Nahrung! Eben auf das tägliche Brot.

Wenn vom Brot die Rede ist, dann merken wir, wie sehr wir stolzen Menschen doch im letzten Grunde angewiesene und bedürftige Menschen sind.  H u n g r i g  kommen wir zur Welt. Und bis zum letzten Tag unseres Lebens sind wir darauf angewiesen, dass dieser Hunger tagtäglich gestillt wird.

J e s u s  wusste, was wir brauchen, als er uns zu beten lehrte: Unser tägliches Brot gib uns heute. Diese Bitte hat in Gottes Ohr seinen angemessenen Platz. Denn ER ist es, der diesen Hunger all Morgen frisch und neu stillen kann: Vom Himmel herab, so gewiss von da die Sonne und der Regen kommen. Und damals wie heute dürfen wir getrost vom Schöpfer des Himmels und der Erde erwarten, dass er uns nicht nur hören, sondern auch erhören wird. Ob wir darüber dann auch das Danken lernen?!

Israel aber schreit seinen Hunger nicht in Gottes Ohr. Es  „murrt“ vielmehr gegen Mose und Aaron.  S i e  werden für die Katastrophe verantwortlich gemacht, für die Krise. Erst galten die beiden als Befreier, jetzt wird ihnen unterstellt, sie hätten das Volk in die Wüste geführt, um es dort elend verhungern zu lassen.

Was Mose und Aaron riskiert, mit wie viel Kraft, Mühe und Engagement sie sich Tag für Tag für die Flüchtlinge eingesetzt haben, - es ist vergessen.

Vergessen sind auch die großen und kleinen Taten Gottes.

Vergessen ist die Bewahrung in der Todesnacht.

Vergessen ist die Befreiung aus der Sklaverei und Gottesrettendes Eingreifen beim Durchzug durch das Schilfmeer.

Vergessen ist die Gegenwart Gottes in der Wolken- und Feuersäule, mit der er sie begleiten, führen und ins gelobte Land geleiten will.

Lange genug haben sie darin schon schmecken und sehen dürfen, wie freundlich ihr HERR ist.

Jetzt aber tritt das alles zurück und verblasst in der Angst um das Leben, im Zweifel am richtigen Weg und im Knurren der hungernden Mägen. Sie  m u r r e n und sehnen sich zurück in die Knechtschaft nach Ägypten. Dahin, wo sie wenigstens noch etwas zu Essen hatten.

Es ist schon merkwürdig, liebe Gemeinde, wir rasch doch die eine Not gegen die andere abgewogen wird und wie dann selbst die härteste Bedrückung als gute Zeit angesehen werden kann. Das Sklavenhaus erscheint als Wohlstandsgesellschaft, der Frondienst als Wohlergehen und die Fremde als verlorenes Paradies. Sie wollen zurück an die Fleischtöpfe Ägyptens. Als ob es die für sie jemals gegeben hätte?!

Der Blick zurück verklärt die Vergangenheit – als wäre der Tod mit vollem Magen leichter zu ertragen gewesen? Israel verflucht seine Lage – und mit ihr Mose, Aaron und Gott.

 

Ja, liebe Gemeinde, Wüstenwege können für den Glauben zur Durststrecke und Bewährungsprobe werden. Das müssen nicht immer Wege durch Sand, Staub und Steine sein. Die Wegführungen Gottes können auch durch Wüsten führen, die andere Gesichter und Namen tragen: Sei es die Wüste der Einsamkeit oder der Trauer, sei es, dass uns die Seele vertrocknet, weil unsere Liebe nicht erwidert wird, sei es Krankheit oder der Zweifel an uns selbst und dem Sinn des Lebens. Das alles sind Wüsten, die uns und unserem Glauben an den barmherzigen und gnädigen Gott nicht erspart bleiben. Aber unser Gott ist  k e i n  Gott, der sich auf diesen Wegen von uns verabschiedet und auf Distanz geht. Menschen können das zwar tun: einander verlassen, wenn die Not am Größten ist. Gott kann das nicht! Israel erfährt, dass er bei ihnen bleibt und den Weg mit ihnen geht: durch die Wüste. Dieser Weg ist eine Zumutung. Aber gerade auf ihm geht es darum, wie groß oder wie klein das Vertrauen in Gottes Wegführung ist. Dem Augenschein zum Trotz hörten Mose und Aaron nicht auf, Gottes Verheißungen zu vertrauen und seiner Fürsorge. Das Volk dagegen murrt, voller Zorn, Angst und Wut.

Und Gott reagiert darauf, so hören wir, auf seine Weise. Nun eben nicht mit göttlichem Zorn, sondern mit Verständnis. Er hört aus dem Murren den Hilfeschrei, den Ruf aus tiefer Not. Und er hilft. Das ist das Erstaunliche. Gott wendet sich nicht ab von seinem Volk, enttäuscht und verbittert, weil sie mit ihm hadern, weil sie mit der Anklage gegen Mose und Aaron letzten Endes auch  i h n  anklagen. Er wendet sich nicht ab, er wendet sich ihnen vielmehr fürsorglich zu:

„Ich habe das Murren der Israeliten gehört“, spricht er zu Mose. „Sag ihnen, ihr sollt satt werden. Ich will euch sättigen mit Fleisch und Brot. So sollt ihr innewerden, dass ich, der Herr, euer Gott bin.“ – Und Gott hält, was er verspricht! Am Abend kommen die Wachteln – und in aller Herrgottsfrühe lag das Manna zu ihren Füßen. Der Höchste hält sich nicht zurück. Er setzt seine Herrlichkeit in Bewegung und steigt herab. Diese Herrlichkeit lässt sich finden und anfassen. Ganz unten, da drunten auf dem kahlen Wüstenboden. Da lässt sie sich schmecken und sehen. Sie teilt sich aus in menschlichen Portionen und stopft mürrische Mäuler mit Bot und Fleisch.

 

Wo Gott der Wegführer des Menschen ist, da, liebe Gemeinde, lässt er seine Weggefährten nicht im Stich! Auch wenn diese Wegfahrt in Situationen führt, die lebensbedrohend sind. Gerade da, in den Wüstenstationen unseres Lebens will er, dass wir nicht zugrunde gehen. Das ist die Erfahrung des wandernden Wüstenvolkes. Und diese Erfahrung darf auch zu der unseren werden. Gott bleibt uns freundlich zugewandt. Deshalb brauchen wir uns nicht ängstlich zu sorgen und zu fragen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Unser himmlischer Vater weiß, wessen wir bedürfen. Er bittet uns zu Tisch. Zum Sattwerden hat es Jahr für Jahr gereicht. Und der, der Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, der kann in den vielerlei schmackhaften und leckeren Gaben den Geber erkennen.

Unser Text erzählt uns auch,  w i e  Gott gibt und wie er seine Gaben pflegt, auszuteilen. Er gibt so, dass jeder genug hat zum Leben und jede Familie genau so viel bekommt, wie sie braucht. Niemand kommt zu kurz! Das ist das göttliche Maß, von dem alle satt werden: Eben jenes „tägliche Brot“, das jeder braucht – nicht mehr und nicht weniger. Alle bekommen dadurch gleich viel. Keine Verschwendung also, aber auch kein Mangel. Alle bekommen das, was sie zum Leben brauchen.

Liebe Gemeinde, wir wissen, dass dieses göttliche Maß heute auf der Erde immer noch eine Vision ist, nur eine Vision, von der wir träumen. In den Hungerzonen, den  Kriegs- und Katastrophengebieten auf der Erde wagt man vielleicht sogar nicht einmal mehr, davon zu träumen. Wir wissen auch, dass unser Reichtum auf Kosten derer geht, die 2/3 der Bevölkerung dieser Erde ausmachen. Ihnen fehlt dieses göttliche Maß, ihnen fehlt das tägliche Brot, von dem wir so viel haben, dass wir Tonnen davon täglich wegschmeißen. Wir sind mit unseren materiellen Ansprüchen maßlos geworden und haben das Teilen nicht gelernt. Und wollen es wohl auch nicht lernen. Uns aber drohen damit Wüsten ganz anderer Art. Müllwüsten zB wie sie uns täglich als Industrie, Haushalts- und Atommüll Sorge bereiten. Ganz zu schweigen von den seelischen Wüsten, in denen viele unserer alten und einsamen, depressiven und ausgebrannten Menschen, viele der Sucht- und Drogenkranken und Langzeitarbeitslose wohnen.

Die Wüste wächst!

Ob wir noch das Umkehren lernen? Vielleicht schmerzhaft lernen müssen? Und das Teilen?

Liebe Schwestern und Brüder,

Gott will, dass allen Menschen geholfen werde. Deshalb ist zum Beispiel  „Brot für die Welt“, das irdische Brot für die hungrige Welt das beste Gleichnis für das Brot des Lebens, das Jesus Christus heißt.

Man kann an dem einen nicht teilhaben, ohne auch das andere zu teilen. Und so, wie vom himmlischen Brot des Lebens, so kann man auch von dem irdischen Brot für die hungrige Welt gar nicht genug verteilen.

Gott, unser himmlischer Vater, öffne uns dazu das Herz, die Augen, den Beutel und die Hände.

Amen

 

 

Pfarrer Joachim Sperfeldt 

Evangelisches Pfarramt Münsingen Martinskirche III / Trailfingen
Tulpenstr. 5, 72525 Münsingen,
Fon  07381-400068
Mail
Joachim.Sperfeldtdontospamme@gowaway.elkw.de

Anm.: Aus der Predigt von Eberhard Jüngel zu Johannes 6, 32-35, abgedruckt in: Ders. „Schmecken und Sehen – Predigten III“ München: Kaiser 1983, Seite 82ff. habe entscheidende Impulse für die eigene Predigt zum Text gewonnen.

Pfarrer Dr. Salomo Strauß

 

 

 

Hinabgestiegen in das Reich des Todes

Die Höllenfahrt Christi

(1. Petrus 3,18-22)

 

Liebe Gemeinde,

gerade haben wir auch eine Reisegeschichte (das Glaubensbekenntnis) gesungen, die Geschichte Jesu, der vom Himmel als Kind in der Krippe auf diese Erde gekommen ist, gekreuzigt wurde, hinabgestiegen ist in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstand und schließlich aufgefahren ist in den Himmel, von wo er wiederkommen wird.

Wir wollen heute eine Etappe dieser Reise herausgreifen, über die wir beim Sprechen des Glaubensbekenntnisses vielleicht oft hinweghuschen: „hinabgestiegen in das Reich des Todes“ heißt es da von Jesus. Ich muss sagen, dass ich mich auch gefragt habe, warum das da überhaupt vorkommt. Was würde fehlen, wenn es im Glaubensbekenntnis einfach hieße: „gekreuzigt, gestorben und begraben. Am dritten Tage auferstanden von den Toten“? Was hat es mit dem Hinabsteigen Christi in das Reich des Todes auf sich? Wir werden sehen.

 

Doch zunächst: Indem wir uns diese Frage stellen oder besser, indem ich Ihnen diese Frage stelle, sind wir auch mit dem Tod konfrontiert, mit dem Tod, der jedem von uns bevorsteht und über den wir doch fast nie sprechen. Der Tod scheint, auch uns Lebende erstarren zu lassen.

Anders Jesus. Er steigt hinab in das Reich des Todes – und bleibt damit aktiv. Ja aber ist Jesus nicht gerade gekreuzigt, gestorben und begraben worden? Ist er nicht tot? Doch. Aber „tot“ scheint etwas anderes zu sein als „den gibt es nicht mehr“ oder „der lebt höchstens in unseren Erinnerungen und Erzählungen fort“. Nein, da scheint mehr zu sein, bei Jesus – und auch bei uns Menschen.
In der Schriftlesung (1.Pt 3,18-22) ist dies bereits angeklungen. Wir werden gleich auf sie zurückkommen.

Das Reich des Todes ist nicht schön, keine Frage. Warum aber hat Jesus diese Reise dann überhaupt angetreten?

Ich denke, Jesus wollte Freunde besuchen; nein, nicht den Tod, sondern die „Geister im Gefängnis“ wie es in der Schriftlesung heißt, vielleicht übersetzen wir besser: „die Seelen“.

Ich denke, es sind die Menschen, die vor der Geburt Jesu gelebt haben, aber auch unsere Verstorbenen und vielleicht auch nicht nur diejenigen, die in unseren Augen schon tot sind.

Das Reich des Todes ist in der Sprache der Bibel ein geistlicher Ausdruck. Wir erahnen etwas davon, was damit gemeint sein könnte, wenn wir uns fragen, ob wir, die wir leben, eigentlich wirklich leben oder ob wir manchmal vielleicht auch tot sind, obwohl wir noch nicht gestorben sind.

Um diese und uns alle zu besuchen, ist Jesus hinabgestiegen in das Reich des Todes. Die Seelen, die er dort trifft, befinden sich im Reich des Todes wie in einem Gefängnis. Was heißt das?

In ein Gefängnis kommt man nicht ohne Grund. In der Schriftlesung ist paradigmatisch von denen die Rede, die einst Gott nicht geglaubt haben, als er harrte und Geduld hatte zur Zeit Noahs.

Manches tragen wir selbst dazu bei, dass wir wirklich leben oder uns zu Recht fragen, ob das Leben ist, was wir da haben. Und immer wieder finden wir uns auch in Schuldverstrickungen wieder.

So oder so ist ein Gefängnis nicht der Ort, an den man eigentlich gehört, an dem man zu Hause ist oder an dem man wollte. Wer im Gefängnis ist, ist noch nicht am Ziel seiner Reise angekommen, sondern hat sich verfahren.

Auch Jesus hat sein Ziel, im Reich des Todes angekommen, noch nicht erreicht. Er will nicht einfach nur ein Besüchle machen. Er legt sich mit dem Tod selber an. Dabei geht es um nicht weniger als die Frage, wer das Sagen hat, in wessen Reich und Machtbereich die Seelen gehören und sind.

Geographisch können wir, Gott sei Dank, entscheiden, wo wir leben möchten, ob auf dem Land oder in der Stadt. Mit denen, die im Reich des Todes sind, ist es hingegen anders. Keiner von unseren Lieben, der gestorben ist, ist aus dem Reich des Todes wieder zurückgekehrt, ob er es wollte oder nicht. Aber gehört er deshalb in das Reich des Todes? Nein sagt Jesus, steigt in das Reich des Todes hinab und legt sich mit dem Tod an, der die Seelen gefangen hält.

Vielleicht kennen Sie bildliche Darstellungen von dieser Szene: Christus hat das Reich des Todes eingenommen. Als Zeichen seines Sieges reckt er triumphierend das Kreuz in die Höhe. Unter ihm der Tod, Christus steht auf ihm, hat ihn sich unterworfen. Der Tod liegt selbst in Ketten als Zeichen seiner Entmachtung. Er ist selbst gebunden, sein Wirkradius ist deutlich eingeschränkt. Christus nimmt die Toten, die gefangenen Seelen an der Hand und reißt sie aus dem Grab, richtet sie wieder auf, befreit sie.

Hat Christus auch im Reich des Todes gepredigt, wie es in der Schriftlesung heißt, dann hat er, einem Herold gleich, seinen Sieg proklamiert. Diese Proklamation ist ein wirkkräftiger Akt wie der Freispruch eines Richters. Sie schafft neue Verhältnisse und macht ganz klar, zu dem diese Seelen gehören.

Wir hätten von all dem nichts mitbekommen, wäre es allein bei dieser Proklamation im – nun ehemaligen – Reich des Todes geblieben. Wir müssten auch unser Leben auf dieser Erde in der Erwartung fristen, letztlich dem Tod und seinem Reich entgegen zu gehen. Gott sei Dank, ist Christus auferstanden!

Er hat sich den Menschen als Auferstandener gezeigt und mit ihnen sogar gegrillt.

Das Reich des Todes ist nicht die Endstation. Jesu Hinabsteigen in das Reich des Todes war eine Reise, eine Reise, von der er wieder zurückgekehrt ist.

Damit ist klar: Der Tod hatte nicht die Macht, ihn festzuhalten. Der Tod hatte keine Macht über ihn. Ja, vielmehr liegt durch Christi Hinabsteigen in das Reich des Todes nun selbst in Ketten und ist entmachtet. Christus und in ihm das Leben hat gesiegt. Der Himmel steht offen.

Was heißt das für uns in der Welt, in der wir leben?

Immer wieder haben wir in ihr leider noch nicht das Gefühl, dass der Himmel offen stehen würde, sondern dass der Tod wütet und mit seiner zerstörerischen Macht auch im Land der Lebendigen um sich greift, Beziehungen zerstört, Neid säht und Gewalt aufkeimen und wachsen lässt.

Ja, der Tod liegt zwar in Ketten und ist entmachtet, aber es gibt ihn noch. Und auch in Ketten hat er noch einen, wenn auch begrenzten, Wirkradius. Nicht umsonst wird der Tod immer noch als Fürst dieser Welt bezeichnet. Er spielt sich immer noch als Herrscher auf, obwohl er selbst in Ketten liegt, gebunden vom König, Christus.

Und wir? Wir müssen uns von ihm nicht länger blenden lassen. Der Tod mag sich zwar als Herrscher aufspielen, der wirkliche Herrscher aber ist Christus, der in das Reich des Todes hinabgestiegen ist, ihn überwunden und in Ketten gelegt hat.

In der Taufe hat Christus seinen Sieg über den Tod auch über unserem Leben proklamiert. Er hat sich auf die Reise gemacht, auf die Reise sogar in das Reich des Todes, damit niemand in ihm gefangen bleiben muss, sondern jeder wieder nach Hause kommen kann, dorthin, wo er hin gehört, zu Gott.

So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Und das gilt für Zeit und Ewigkeit. Dass wir Gott gehören, daran ändert sich auch dann nichts, wenn wir sterben werden, wenn wir dem Tod begegnen. Er liegt in Ketten, gebunden durch den, der zu mir sagt: Du bist mein.

Darum: Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei. Amen.

 

Pfarrer Dr.Salomo Strauß
Evangelisches Pfarramt Münsingen Martinskirche II
Karlstr. 32, 72525 Münsingen, 
Fon 07381-2239
Mail salomo.straussdontospamme@gowaway.elkw.de