Kamen sie ein jeder aus seinem Ort (Hiob 2,11-13)

Pfarrerin Marlies Haist

Pfarrerin Marlies Haist

 

Liebe Gemeinde!

 

Es gibt gute Nachrichten und es gibt schlechte Nachrichten. Manchmal kann man sie kaum auseinanderhalten oder wir nehmen sie unterschiedlich auf; denn wo die einen vor Begeisterung nicht an sich halten können, verziehen die andern keine Miene; wo dagegen bei den einen eine Welt zusammenbricht, juckt es die anderen nicht einmal.

Es gibt aber auch echte „Hiobsbotschaften“, die niemand schönreden kann. Die werden uns zum Beispiel in den Nachrichten überbracht: ein Terroranschlag nach dem andern, auch in Deutschland, die politische Krise in der Türkei, über Menschen, die auf der Flucht sind vor Verfolgung und Schikanen, wegrationalisierte Arbeitsplätze, die Schließung von Geschäften und Betrieben… Auch im Persönlichen können uns „Hiobsbotschaften“ treffen: wenn wir vom Tod einer Angehörigen oder eines Freundes erfahren, eine schwierige Diagnose erhalten oder jemand aus der Familie ins Krankenhaus eingewiesen werden muss. Uns kann die Kunde von einem Unfall ereilen oder von anderen Notlagen, die uns oder andere betreffen. Auch eine Trennung ist ein Schock. Die Nachricht, dass der Arbeitsplatz eingespart wird, kann einen lähmen. Wirtschaftliche Gesichtspunkte bestimmen zunehmend die Arbeitswelt – leider auch in Kirche und Diakonie.

 

Hiobsbotschaften in Hülle und Fülle - wir kennen das mehr oder weniger, aber im biblischen Buch Hiob kommt gleich alles zusammen: Nicht nur, dass seine Leute samt dem Vieh vom Kriegsheer und vom Feuer erschlagen wurden, nicht nur, dass der Wind Hiobs Kinder unter den einstürzenden Hauswänden begrub: Das Unglück fasst Hiob selber an, geht ihm unter die Haut mit bösen Geschwüren „von der Fußsohle bis an seinen Scheitel“.

Ich kann in dieser kurzen Predigt leider nicht das ganze Buch Hiob behandeln, das in seinen 42 Kapiteln ein so großes Zeugnis israelitischer Weisheitsliteratur ist.

Lesen Sie es selbst! Oder wenigstens den Anfang und den Schluss: Der regte nämlich Johann Wolfgang von Goethe zum „Prolog im Himmel“ in seinem „Faust“ an. Also: Hiob ist das Original!

 

Das Buch Hiob ist alt, aber sehr aktuell. Im alten Israel wurden Fragen angeschnitten, die heute noch gläubige Menschen umtreiben: Welchen Sinn hat das Leiden, wenn überhaupt? Kann Gott, der Urheber alles Guten, auch der Urheber des Bösen sein? Oder brauchen wir den Satan für das Böse, weil wir nur den „Lieben Gott“ kennen?

„Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“, sagt Hiob zu seiner Frau, die ihm empfiehlt, seine ganze Frömmigkeit fahren zu lassen… Es hat dir doch nichts gebracht!

 

Bemerkenswert ist, wie Hiob auf all die Verluste reagiert, die ihm nicht nur den Boden unter den Füßen wegziehen, sondern mitten ins Herz treffen: „Der HERR hat´s gegeben, der HERR hat´s genommen. Der Name des HERRN sei gelobt!“ Von dieser „Hiobsgeduld“ spricht der Jakobusbrief (5,11).

Was auf uns allzu stoisch und fatalistisch wirken mag, bekommt seine Tiefe, liest man die vielen Kapitel, in denen Hiob dem HERRN sein Leid klagt – und nicht nur das: Hiob klagt an – IHN, den Höchsten direkt. Er rechtet mit Gott! Hiob sagt in seiner ganzen Trostlosigkeit: „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin!“ Oder: „Mich ekelt das Leben an.“

Drei Freunde besuchen ihn. Sie wollen ihn trösten. Sie gehen auf seine Klagen ein und antworten ihm. „Selig ist der Mensch, den Gott zurechtweist.“ Sie machen ihm sogar Vorwürfe, er wolle sich über Gott erheben. „Hast du im heimlichen Rat Gottes zugehört und die Weisheit an dich gerissen?“ Es gebe kein unschuldiges Leiden: „Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott?“

Das ganze Buch ist eine einzige Auseinandersetzung mit der Sicht, dass alles, was einem Menschen widerfährt, auch von ihm selbst in irgendeiner Weise verursacht würde. Das ist heute gar nicht so fremd: Die esoterische Ratgeberliteratur ist voll von solchen Erklärungen. Das „Karma“ lässt grüßen. Doch Hiob ist sich keiner Mitschuld an seinem Unglück bewusst.

Zu Beginn heißt es bei Hiob: Er war untadelig und gerade oder: vollkommen und rechtschaffen. So steht es auch auf manchem jüdischen Grabstein an der Mühlsteige.

Das Buch Hiob gibt nur eine Erklärung für das Unglück des Hiob: Gott, der Herr der Heerscharen hat es zugelassen. Der Satan trat auf im himmlischen Hofstaat und forderte Gott heraus: Hiob ist nur deshalb so fromm, weil es ihm gut geht. Aber lass zu, dass ich ihm alles nehme – er wird Dir ins Angesicht absagen!

Das ist die einzige Erklärung für das Elend, das wir im Buch Hiob lesen.

Die Freunde haben noch mehr Erklärungen. Aber auf alle Erklärungsversuche seiner Freunde entgegnet Hiob: „Ich habe das schon oft gehört. Ihr seid allzumal leidige Tröster! Wollen die leeren Worte kein Ende haben?... Auch ich könnte wohl reden wie ihr, wärt ihr an meiner Stelle“. Sein einziger Trost ist das göttliche Gegenüber, das er wenigstens anklagen kann. Er will, dass Gott ihm nicht mehr Feind ist, sondern Beistand: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“.

Hiobsbotschaften, Trauer, Trostlosigkeit und billiger Trost, die Frage nach dem Sinn: zeitlose Themen. Über den langen Reden wird leicht eine Stelle zu Beginn des Hiobbuches übersehen, die ich für ganz wesentlich, für hilfreich  und trostreich halte. Denn die drei Freunde sind ja eigentlich nicht gekommen, um mit Hiob zu streiten und ihn zur Bescheidenheit zu mahnen, wie sie es nachher tun. Ich lese aus Hiob 2, 11-13:

„Als aber die drei Freunde Hiobs all das Unglück hörten, das über ihn gekommen war, kamen sie, ein jeder aus seinem Ort: Elifas von Teman, Bildad von Schuach und Zofar von Naama. Denn sie waren eins geworden hinzugehen, um ihn zu beklagen und zu trösten. Und als sie ihre Augen aufhoben von ferne, erkannten sie ihn nicht und erhoben ihre Stimme und weinten, und ein jeder zerriss sein Kleid und sie warfen Staub gen Himmel auf ihr Haupt und sie saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.“

 

Was tun die Freunde? Sie trauern mit Hiob. Sie zerreißen wie er die Kleider, sie streuen sich Asche aufs Haupt. Und dann setzen sie sich hin zu Hiob und schweigen mit ihm. Sie sagen nichts. Das ist wohl auch nicht nötig. So ein großer Schmerz lässt alle Worte verstummen. Sie deuten nicht, sie interpretieren nicht. Sie verzichten auf Urteile und Wertungen – noch. Sie sind einfach da, nicht mehr und nicht weniger. Sie kamen, „ein jeder aus seinem Ort“ (und das war nicht gerade der nächste Weg). Sie kamen zusammen, sie waren sich einig, Hiob brauchte Trost und sie machten sich auf den Weg.

Sieben Tage und sieben Nächte. „Schive sitzn“: Schiv´a heißt „sieben“ – sieben Tage und sieben Nächte auf dem Boden sitzen mit dem Trauernden. Dieser Brauch hat sich im heutigen jüdischen Leben erhalten. So wurde auch in Buttenhausen getrauert. Evangelische und Juden haben einander kondoliert.

 

Hiob ist ja eine Trostgeschichte! Was gibt uns Trost?

Das Buch Hiob lehrt uns zunächst einmal eines: Klagen ist nicht verboten. Hiob bekommt großen Raum für seine Klage, er darf klagen wie die Beter der Psalmen. Der Ewige hört zu. Und antwortet – wenn auch nicht so, wie Hiob es verlangt. Er bekommt keine Antwort, denn Gott ist Gott und Mensch ist mensch. Das ist Antwort genug. Aber: Gott redet mit Hiob! Er wendet sich ihm zu, nachdem er lange zugehört und sich in Schweigen gehüllt hat.

Am Anfang sagte ich, dass wir unsere Hiobsbotschaften verschieden gewichten. Was wir als Katastrophe empfinden, ist unterschiedlich. Wenn die pastorale Arbeit neu aufgestellt werden muss, ist das für viele Gemeindeglieder eine ernste und große Sorge – zunächst. Da könnte ich natürlich auf das Leid der Welt verweisen, dass es ja wirklich viel Schlimmeres gibt und dass wir auf hohem Niveau klagen (was ja auch stimmt).

Aber die Trauer, die sich Luft schaffen will, müssen wir Ernst nehmen. Dann sehen wir vielleicht Auswege, die mehr sind als ein Trostpflaster.

Wie der Jakobusbrief, aus dem wir vorhin lasen, ist auch die Hioberzählung ein Lob der Gemeinschaft: Trauer, Krankheit, Besorgnis wird am besten gemeinsam getragen und bewältigt.

 

Hiobs Kinder wurden nicht mehr lebendig. Aber versöhnt mit seinem Gott und seinen Freunden wurde Hiob ein langes, erfülltes Leben geschenkt, so dass er „alt und lebenssatt“ heimgehen durfte.

Alle Herausforderungen, die uns als Gemeinde Christi auf die Probe stellen, sind beileibe nicht das Ende, denn Christi Versprechen dürfen wir als Trost in Anspruch nehmen: Siehe, ich bin bei euch bis ans Ende der Welt. Amen.    

 

Pfarrerin Marlies Haist

Evangelisches Pfarramt Buttenhausen

Evangelische Kirchengemeinde Apfelstetten-Buttenhausen

Kirchbergstraße 8

72525 Münsingen

 

Tel. 07383 / 1283

Marlies.Haist@elkw.de

 

 

 

 

Gott spricht: "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet"Jesaja 66,13

Prädikant Niels Rusch

„GOTT spricht: Ich will euch trösten
wie einen seine Mutter tröstet“ —

So lautet die Jahreslosung 2016, liebe Gemeinde.

Ich weiß nicht, welche Erfahrungen Sie mit diesem Bibelwort gemacht haben: — Sind es positive? — Oder negative?
Hatten Sie sich mehr davon erhofft und sind enttäuscht worden?
Oder können Sie voll zustimmen und sagen: Ja, in der Tat, Gott ist mein Trost, ein Trost in allem Schweren, das mir begegnet?

Zum Trösten gehören ja immer zwei:
Einer der tröstet, und einer der sich trösten lässt.

Einer, der tröstet und weiß, was es braucht, damit wirklich Trost entstehen kann. Der sich nicht in leeren Worthülsen ergeht, die alles nur noch schlimmer machen. Oder der blinden Aktionismus entwickelt, um sich nicht selbst dem Leid stellen zu müssen.

Und einer, der sich trösten lässt und bereit ist, jemanden an sich heran zu lassen. Der bereit ist, seine Mauer des Leids durchlässig zu machen und zu hoffen, dass es für ihn trotz allem eine Zukunft geben kann.

Leerer Trost und undurchdringliches Leid — von beidem erzählt die Bibel:

Hiob, dieser herausragende Gerechte, von dem das Alte Testament berichtet, wird ohne ersichtlichen Grund in immer größeres Leid geworfen, abgrundtief. Er entgegnet seinen Freunden:
„Dergleichen habe ich genug gehört. Elende Tröster seid ihr allesamt! Wollen die leeren Worte kein Ende haben? […] Auch ich könnte wohl reden, wärt ihr an meiner Stelle.“

Und in unserem Predigttext 1. Mose 37 Vers 35 heißt es über Jakob, den jüngsten der drei israelitischen Erzväter nach Abraham und Isaak: „All seine Söhne und all seine Töchter machten sich auf, ihn zu trösten. Er aber wollte sich nicht trösten lassen.“

Mein erster Impuls war: Und das soll ein Trostwort sein?

Jakob weigert sich hartnäckig, sich trösten zu lassen.
Seine nächsten Angehörigen, seine Söhne und Töchter lässt er nicht an sich heran. Warum bloß?

Graben wir einmal ein wenig tiefer in seiner Geschichte und schauen, was wir zutage fördern können.

In Jakob spiegelt sich das Leben in seiner ganzen Vielfalt und Komplexität wider. Jakobs Geschichte ist eine Geschichte der Verdrehungen und Brüche:

Die Bibel erzählt von Jakob, dem Muttersöhnchen.

Durch einen trickreichen Plan seiner Mutter wird der jüngere Jakob unrechtmäßig vor dem älteren Esau gesegnet — aber der solcherart Gesegnete muss vor dem zu kurz Gekommenen in die Fremde fliehen und bei seinem Onkel Laban um Asyl bitten.

Die Bibel erzählt von Jakob, dem Liebhaber, der um seiner großen Liebe willen seinem Onkel sieben lange Jahre unentgeltlich dient.

Aber statt der ersehnten jüngeren Rahel wird ihm von seinem Onkel und Schwiegervater in der Hochzeitsnacht ihre ältere Schwester Lea im wahrsten Sinne des Wortes untergeschoben.

Der Betrüger wird zum Betrogenen.

Für die schönere Rahel muss er dann noch sieben weitere Jahre bei diesem wohlhabenden und gerissenen Viehzüchter arbeiten, bevor er auch sie endlich zur Frau bekommt.

Und danach setzt ein regelrechter Geburtenwettstreit der beiden Schwestern ein. Sie scheuen sich nicht, auch ihre Mägde für dieses Ziel mit einzuspannen, denn Rahel bleibt vorerst kinderlos.

Sechs Söhne zeugt Jakob mit Lea, und jeweils zwei weitere mit den beiden Mägden seiner Ehefrauen.

Dann endlich ist es soweit: Von seiner bevorzugten und über alles geliebten Ehefrau Rahel wird ihm der langersehnte erste Sohn geboren — Josef.

Aus Jakob, dem Flüchtling und Betrüger ist ein Familienvater geworden. Von einem ruhigen und beschaulichen Leben ist er allerdings noch himmelweit entfernt.

Eine ebenso bunte wie konfliktreiche Patchworkfamilie haben wir hier vor uns. Aus den zwölf Söhnen Jakobs mit seinen vier verschiedenen Frauen werden später die zwölf Stämme Israels hervorgehen.

Aber zuvor muss er sich noch von seinem Onkel Laban unabhängig machen — erneut eine trickreiche Geschichte.

Auch mit seinem Bruder Esau muss er sich erst noch versöhnen.

Und Josef — was hören wir von ihm?

Josef, dieser spätgeborene Wunschsohn, genießt die besondere Liebe und Zuwendung seines Vaters. Er lebt eine vor seinen Brüdern privilegierte Jugend.

Hören wir auf ausgewählte Verse aus 1. Mose 37 — (Nach der Neukirchener Bibel DAS ALTE TESTAMENT neu erzählt):

„Dies ist die Geschichte von Josef,
dem Sohn Jakobs, den ihm Rahel gebar.
Jakob liebte Josef über alles,
mehr, als alle anderen Söhne,
weil er der Sohn Rahels war
und ihm noch im Alter geboren war.
Sein Vater Jakob schenkte ihm
ein prächtiges Gewand,
einen bunten Ärmelrock,
der ihn vor allen Brüdern hervorhob.
Als aber die Brüder sahen,
dass ihr Vater ihn mehr liebte als sie,
begannen sie ihren Bruder zu hassen.

17 Jahre alt war Josef,
das schickte ihn sein Vater Jakob
zu den großen Brüdern aufs Feld,
damit er ihnen zur Hand ging.
AberJosef erzählte dem Vater alles,
was seine Brüder dort anstellten.
Das ärgerte die Brüder sehr.
Und sie fanden für Josef
bald kein freundliches Wort mehr.

Einmal hatte Josef einen Traum,
den erzählte er seinen Brüdern.

[…]

Und sie hassten Josef noch mehr.

[…]

Eines Tages rief Jakob
seinen Sohn Josef und bat ihn:
"Geh und such deine Brüder.
Sie hüten die Schafe bei Sichem,
ein paar Tagesreisen von hier.
Ich mach mit Sorgen um sie.
Frag sie, ob er ihnene gut geht.
Komm danach wieder zurück
und gib mir Bescheid."

Da zog Josef sein buntes Gewand an,
das kostbare Ärmelgewand,
und machte sich auf […]
um seine Brüder zu suchen.
[…]
Endlich fand Josef sie bei Dotan.

Doch als Josef noch ferne war,
sahen ihn seine Brüder kommen.
"Seht her!", riefen sie.
Da kommt ja der Träumer!
Jetzt ist er in unserer Gewalt.
Kommt, wir schlagen ihn tot
und werfen ihn in eine Zisterne.
Wir sagen einfach:
Ein wildes Tier hat ihn gefressen.
Dann wollen wir sehen,
was seine Träume wert sind!“

[…]

Die Brüder überlegten nicht lange.
Sie schlachteten eineZiegenbock,
nahmen Josefs Gewand,
das prächtige Ärmelgewand,
tauchten es in das Blut
und übergaben es einem Knecht.
Der brachte es dem Vater und sagte:
Dies haben deine Söhne gefunden.
Sieh selbst
ob es Josef gehört, oder nicht.“

Als aber Jakob das Gewand sah,
schrie er laut auf:
Josef ist tot! Josef ist tot!
Ein wildes Tier hat ihn zerrisssne.“
Und Jakob zerriss sein Gewand

von oben bis unten,
band einen Sack um die Hüften,
warf sic auf die Erde,
weinte und klagte.

Viele Tage und Nächte
lag er so da.
Vergeblich versuchten ihn
seine Söhne und Töchter zu trösten.
Doch Jakob ließ sich nicht trösten.
"Lasst mich!“, rief er.
"Wozu soll ich noch leben?
Alle Freude ist für immer dahin.
Ich will um Josef weinen,
bis ich vor Gram sterbe
und bei meinem Sohn bin."

So trauerte Jakob um Josef,
seinen geliebten Sohn.
Hilflos sahen seine Söhne zu,
wie sich ihr Vater grämte.
[…]“

So, liebe Gemeinde, endet diese Familientragödie — zumindest vorläufig. Jakob ist am Boden zerstört, abolut untröstlich ist er. In diesem Augenblick bricht sein ganzes Leben zusammen.

Seinen Lieblingssohn wähnt er tot. Lange Jahre wird er nicht wissen, dass sein geliebter Josef am Leben ist; dass Josef in Ägypten eine grandiose Karriere am Hof des Pharao beschert ist.

Er weiß auch nicht, dass er Josef eines Tages wiedersehen wird; dass er dann mit seiner ganzen Familie als Wirtschaftsflüchtling nach Ägypten ziehen wird, um dort zu überleben.

Und noch viel weniger kann er ahnen, dass seine Geschichte sich zu einem endgültigen guten Ende hinwenden wird; dass über seinem gesamten Leben zu guter Letzt der Segen Gottes aufstrahlt.

Aber an diesem vorläufigen Ende, jetzt, nach dem Verschwinden Josefs, ist Jakob einfach nicht zu trösten. Durch Betrug und Lüge seiner Kinder ist er in bodenlose Tiefe, in trostloses Leid gestürzt.

Niemanden, aber auch gar niemanden will er in dieser Situation mehr an sich heranlassen. — Nur noch sterben will er.

Wo ist er nun, der Segen Gottes, der ihm an verschiedenen Stationen seines Lebens doch eindeutig zugesprochen worden war? Und der ja auch schon deutlich zutage getreten war?

Liebe Gemeinde, hier begegnen wir dem Paradox des Lebens.

Das Paradox des Lebens hält neben den hellen, fröhlich-gelösten Stunden immer auch die dunkle Seite menschlichen Daseins parat. Das, was sich beim besten Willen nicht verstehen und erklären lässt.

Leid und Schmerz lassen sich trotz allen Fortschritts eben nicht aus der Welt schaffen. Es will uns nicht gelingen, Gott und seine Wege in unserer vergänglichen Welt zu begreifen.

Uns irritiert die spannungsvolle Widersprüchlichkeit im Handeln Gottes.

Uns irritiert, dass die schweren Ereignisse häufig überwiegen; Ereignisse, die sich jeder sinnvollen Deutung entziehen.

Nicht nur Hiob ist dafür ein beredtes Beispiel.

Wir berühren damit eine der Ur-Fragen der Menschen, die sich nicht beantworten lassen: Die Frage, warum Gott uns manchmal so fern erscheint, gerade so, als habe er sich zurückgezogen, oder vielmehr noch: Als halte er sich vor uns verborgen.

Und dabei kommt die existentielle Frage auf, warum wir uns in den Brüchen unseres Lebens und mit all dem Leid so allein gelassen, so absolut verlassen fühlen, ohne Licht und Hoffnung.

Woher kommt uns Trost? — Was kann uns helfen?

Der Schweizer Pfarrer Thomas Härry gibt in seinem Buch „Sterne leuchten nachts“ wertvolle Hinweise gegen ein „Sich-nicht-trösten-lassen-wollen“.

Drei davon möchte ich kurz anreißen.

1.      Gott ungeschützt sein Herz ausschütten.

Trotz schwerer Lebenswege nicht aufhören, mit Gott zu ringen. Das hat Jakob getan, das hat Hiob getan und das haben mit ihnen viele Männer und Frauen der Bibel getan.

Mit Gott dürfen wir ungeschützt ehrlich und offen reden.
Wut, Leid und Trauer haben ihren angestammten Platz im Gebet vor Gott.

Die Psalmen enthalten weitaus mehr Klage als Lob.
Psalm 62 fordert uns auf:

„Schüttet euer Herz vor ihm aus;
Gott ist unsere Zuversicht.“

2.      Trotz unbeantworteter Fragen an Gott festhalten.

Gott sein Herz auszuschütten macht deutlich:
Ich lasse diesen Gott nicht los, ich will in Verbindung bleiben mit ihm, selbst wenn es noch Vieles gibt, das ich nicht verstehen kann.

Auch Jakob hat nicht von Gott gelassen.
Er hat mit ihm am Jabbok gerungen.
Solange, bis er von dieser geheimnisvollen Gestalt im Morgen-grauen gesegnet wird, nachdem er unmißverständlich zum Ausdruck gebracht hat:
„Ich lasse dich nicht, bis du mich gesegnet hast.“

Aus Jakob dem Muttersöhnchen ist Jakob der Gottesstreiter geworden.

Der Psalmdichter bekennt:
„Dennoch bleibe ich stets an dir;
denn du hältst mich bei meiner rechten Hand.“

 

3.      In Beziehungen bleiben.

Das Bedürfnis nach Rückzug ist absolut legitim.
Wer leidet, fühlt sich im Leben — dort, wo es fröhlich zugeht — fehl am Platze.
Er braucht Ruhe und Zeit für eine Neubesinnung.
Das Leben muss neu sortiert werden.

Zu groß auch ist die Gefahr, oberflächlichen Trost aushalten zu müssen, der einem keine Hilfe ist.
Aber auf Dauer ist Rückzug kein hilfreicher Weg.
Rückzug führt aus der Gemeinschaft heraus und in die Isolation hinein.

Deshalb brauchen wir Menschen, die uns begleiten, die uns Hilfe und Trost sind. — Und die gibt es.

Auch die Geschichte Jakobs ist letztlich eine Beziehungsgeschichte, in zweierlei Hinsicht.

Jakob steht zeitlebens in Beziehung mit seiner Familie. Er hält das Familiennetz zusammen. Hoch geachtet und verehrt stirbt er schließlich in Ägypten, eine siebzigtägige Staatstrauer wird angeordnet.

Und: Jakob steht zeitlebens in Beziehung mit Gott. Er hat ihn nie aufgegeben, so, wie auch Gott ihn nie aufgegeben hat.

Das legitimiert Jakob zum Erzvater, das macht ihn zu Israel — ein Name, der ihm im Kampf mit Gott verliehen wurde.

Nein, liebe Gemeinde, Jakob ist kein Heiliger, er ist nicht das perfekte Vorbild. Aber: Er ist einer, auf dessen krummen Lebenslinien Gott gerade schreibt.

Das macht Mut für unser eigenes Leben.

Es mag uns nicht gelingen, Gott und seine Wege zu verstehen.
Aber wir können Gott inmitten unserer Zerbrechlichkeit neu erkennen.

Selbst in sinnlos erscheinendem Leiden kann Gott letzten Endes noch Heilsames entstehen lassen. Das aber erschließt sich uns oft erst in der Rückschau — und manchmal auch gar nicht.

Für Jakob war das ein langer Weg.

Aber Jakob hat erfahren, dass Gott mit ihm geht — das ist die wichtigste Erkenntnis seines Lebens. Und er hat erfahren, dass Gott zu seinen Versprechen steht. Er hat es gelernt, Gott in sein Leben einzubeziehen.

Die Quintessenz dieser ganzen Geschichte mit Jakob und Josef,
die nachträgliche Überschrift über beider Leben gewissermaßen, formuliert Josef am Ende seines Lebens mit den Worten:

„Ihr wolltet mir Böses antun.
Aber Gott hat es zum Guten gewendet.“

Aus Fluch wird Segen — dahinter verbirgt sich Gott.

AMEN.

 

Prädikant Niels Rusch

Mörikestr. 8

72532 Gomadingen

0 73 85 / 96 50 22

0160 / 12 64 0 64