Brot zum Erntedank auf dem Altar der Martinskirche Münsingen 2019

Erntedankpredigt zu Jesaja,58,6-12 von Pfarrer Dr. Salomo Strauß


Erntedank-Predigt zu Jes. 58,6-12
am 29. September 2019
von Pfarrer Dr. Salomo Strauß

Wir haben viel Grund, Gott zu loben und ihm zu danken. Der Erntetisch ist reich gedeckt, reiche Ernte. Das brot auf dem Altar ist Lebensmittel. Das Brot auf dem Altar ist aber auch Symbol für alles, was ich genauso zum Leben brauche wie das täglich Brot: Zuneigung und Gemeinschaft, Frieden und Gerechtigkeit. Der Prophet Jesaja zeigt uns in unserem heutigen Predigttext wie wir dieses Brot unter uns teilen können und welcher Segen daraus erwächst. Er erinnert mich dabei auch an den Namenspatron unserer Kirche, den heiligen Martin, der seinen warmen Mantel mit dem frierenden Bettler geteilt hat, wie es auch auf dem Schlussstein in unserem Chorraum dargestellt ist.

Jesaja fragt uns von Gott her an:

Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!

Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: „Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne“.

Du sollst heißen, wir sollen heißen: Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne. Die Lücken, da, wo etwas fehlt in unserer Gesellschaft, sind zugemauert. Die Wege zueinander sind ausgebessert. Wir wohnen gut miteinander, in unserem Haus, in unserer Stadt, in unserem Land, in unserer Welt, in seiner Welt. Was für eine Verheißung.

Gott gibt uns diesen Namen und sagt damit etwas über uns aus. Er nennt uns nicht Kühner Blick oder Stiller Fels, sondern: Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne.

Er spricht uns zu und gibt uns den Auftrag, die Lücken zuzumauern und die Wege auszubessern, dass man gut wohnen könne.

Wir sind von ihm unendlich reich beschenkt. Wir können dem Hungrigen unser Brot brechen, es mit ihm teilen, und haben selbst immer noch mehr als genug.

Der Prophet Jesaja erinnert uns daran, dass wir das, was wir haben, nicht als Besitz haben, sondern als Geschenk, dass wir es nicht für uns alleine haben, sondern um es zu teilen, um seinen Überfluss überfließen zu lassen.

Damit stellt schon der Prophet Jesaja die Frage, die beim Klimatag und in der gegenwärtigen Diskussion aufgegriffen wurde und wird, ob wir alles haben müssen, ob wir wirklich alles für uns brauchen oder ob es nicht einen Mehrwert hat, wenn wir teilen. Gott hat seine, hat unsere Welt so geschaffen, dass sie darauf angewiesen ist. Das ist nicht Begrenztheit, darin besteht nicht ihr Mangel, sondern ihr Reichtum. Er wird im Tafelladen und andernorts spürbar, wo Menschen von Lebensmitteln, die in anderen Supermärkten nicht mehr verkauft werden, satt werden, wo mein noch gut erhaltener Mantel, den ich nicht mehr trage, einen anderen wärmt.

Wo das geschieht, wird nicht nur dem anderen wärmer, sondern in unserer Gesellschaft insgesamt, wo wir nicht mit den Fingern aufeinander zeigen, sondern im anderen unser Fleisch und Blut erkennen.

Zeigen wir mit den Fingern aufeinander – schau mal die da – distanzieren wir uns voneinander, reißen wir Lücken auf. Und das geht nicht nur mit dem Finger, auch mit unserer Sprache, wenn wir von den Flüchtlingen oder denen von der AfD reden, aber auch in unserer Kirchengemeinde: die vom CVJM und die von der Kirchengemeinde.

Das heißt nicht, dass wir nicht inhaltlich ringen sollen oder uns von der ein oder anderen Position nicht distanzieren dürften, aber dass wir im anderen unser Fleisch und Blut erkennen. Er kommt uns damit nahe.

Jesus wird später sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Schwestern und Brüdern, das habt ihr mir getan. Er selbst identifiziert sich mit den anderen und begegnet uns in ihm.

Der Prophet Jesaja ermutigt uns, den anderen, den Hungrigen, unser Herz finden zu lassen. Das ist etwas anderes, als dem Hungrigen lediglich ein Stück Brot zu geben. Das ist Begegnung, von Herz zu Herz, auch ein sich dem anderen Schenken. Es erinnert mich an Jesus, der sich uns nachher im Abendmahl in ganz besonderer Weise schenkt.

Lass den Hungrigen dein Herz finden. Dabei ist unser Herz ja nicht nur stark und das des anderen nicht nur bedürftig. Lassen wir den anderen unser Herz finden, zeigen wir uns ihm auch in unserer Angst und Bedürftigkeit. Wir machen uns verletzlich, dürfen den anderen aber auch als uns Beschenkenden erleben. Das verändert unsere Beziehung und macht auch unser Leben reich.

Der Prophet Jesaja gebraucht dafür das tolle Bild, dass unser Licht dann hervorbricht, sich Bahn bricht. Erstaunlicherweise nicht nur für den Hungrigen, sondern auch für uns. Unsere Heilung wird schnell voranschreiten, wenn wir unser Herz nicht zurückhalten, sondern ihn es finden lassen. Da ist dann nicht mehr ein Starker und ein Schwacher. Da sind zwei bedürftige Menschen, die einander begegnen, einander fragen, was der andere braucht, die einander beschenken und in deren Begegnung das Licht hervorbricht, Christus selbst spürbar wird, das Licht der Welt.

Geistliches Leben dient nicht uns selbst. Das Fasten, um das es in unserem Predigttext geht, ist kein geistlicher Selbstzweck. Es geht nicht um unsere eigenen geistlichen Höhenflüge, sondern darum, den anderen in der Tiefe zu sehen und in ihm Christus zu begegnen. Seligkeit ist kein Zustand, sondern ein dialogisches Geschehen.

So werden wir, wer wir von Gott her sind, Menschen, die die Lücken zumauern und die Wege ausbessern, dass man da wohnen kann. Amen.