Die Letzten werden die Ersten sein

 

 

Sommerpredigt

„Die Letzten werden die Ersten sein“

 Pfarrer Dr. Salomo Strauß

 

 

 

 

Die Letzten werden die Ersten sein. Um was geht`s? Mir ging`s, als ich mich für dieses Sprichwort entschieden habe um die Letzten, denen Gott auch zusagt, Erste zu werden.

„Ist das nicht unfair?“, deken Sie vielleicht. Und auch mir kam dieser Gedanke. Im Sport will ich nicht, dass die Letzten die Ersten sein werden, zumindest nicht, wenn ich Erster bin. Aber auch wenn ich zu den „Letzten“ gehöre, möchte ich nicht einfach so auf’s Siegertreppchen nach oben geholt werden, sondern eben selbst oben stehen.

Hat Gott etwas gegen Leistung und Erfolg? Ich denke nicht. Wir sollen so laufen, dass wir den Siegespreis erlangen.

Dass wir ihn dann auch tatsächlich erlangen, wissen wir beim Sport erst, wenn wir im Ziel sind oder wenn alle den letzten Sprung absolviert haben. Das Training ist das Eine, der Wettkampf das Andere. Ein Wettkampf wäre langweilig, wüssten wir schon vorher, wie er ausgeht.

Und doch würden wir vielleicht auch ganz gern schon vorher wirklich wissen, dass wir gewinnen werden, wirklich wissen. Und das ist noch einmal etwas anderes als das strotzende Selbstbewusstsein, mit dem wir an den Start gehen.

So sagt Petrus Jesus: Wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt, und fragt ihn: Was wird uns dafür zuteil? Man könnte auch übersetzen: Wir haben uns im Training geschunden. Wo landen wir dafür am Ende? Und Jesus verspricht ihm, anders als dies vor einem Sportwettkampf möglich ist, dass sich das Training auszahlen wird. Und er schließt mit unserem Sprichwort, das uns noch in verschiedenen Zusammenhängen begegnen wird, dass viele, die die Ersten sind, die Letzten sein werden und die Letzten die Ersten sein werden. Er irritiert damit und stellt damit die Frage, worauf es eigentlich ankommt. Es passt ganz gut, dass dieser Bibeltext als Evangelium am Tag der Bekehrung des Paulus, dem 25. Januar, der bei uns nicht gefeiert wird, vorgesehen ist. Bei der Bekehrung des Paulus hatte Gott dessen Prioritäten durcheinandergewirbelt, das, was er davor erstrebte, erschien ihm plötzlich belanglos, ja falsch, und das, was er verachtete, wurde ihm kostbar. Es erschien ihm belanglos oder wurde ihm kostbar. Gott hatte seine Finger mit im Spiel.

An anderer Stelle wird Jesus gefragt, ob er meint, dass nur wenige selig werden. Und er antwortet: Ringt darum, ähnlich wie in unserer Schriftlesung, und sagt zu, dass Menschen kommn werden von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. Und schließt: Und siehe: Es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzen sein. Es ist nicht in unserer Hand. Es ist sein Geschenk. Wir werden nicht von ungefähr am Buß- und Bettag an diesen biblischen Text erinnert.

Wir hätten es gerne in der Hand und leben doch davon, dass er uns beschenkt. Wir hätten es gern in der Hand, wären gern Erste und hätten es gern selbst in der Hand, und hätten deshalb wahrscheinlich auch gerne immer das letzte Wort. Aber: Wir sind nicht Gott.

Der Erste und der Letzte ist er, der von sich sagt: Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Als Gott dem Seher Johannes begegnet, fiel der zu dessen Füßen wir tot. Er akzeptierte damit Gott als Gott. Doch dieser wendet sich ihm zu und spricht ihm zu: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Für mich heißt das: Ich umgreife dich in dem, wo du dich als Erster fühlst, und in dem, wo du dich als Letzter wähnst. Ich bin es, der dich auch darin umgreift und hält und in dem du das Leben findest.

Dass er in dieser viel grundlegenderen Art Erster ist, als wir in den Wettkampf-Spielen unseres Lebens meinen, Erster sein zu müssen, wird schon im Alten Testament deutlich, wenn er uns zuspricht und uns sich zeigt: Höre mir zu, Jakob, und du, Israel, den ich berufen habe: Ich bin’s, ich bin der Erste und auch der Letzte. Meine Hand hat die Erde gegründet, und meine Rechte hat den Himmel ausgespannt. Und ganz am Ende der Bibel sagt er von sich: Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. Man könnte auch übersetzen: … der Ursprung und das Ziel.

Was ist das Ziel, dem wir nachjagen, worauf kommt’s an und woran sich bemisst, ob wir zu den Ersten oder den Letzten gehören? Ich würde vermuten, dass es nicht selten Geld und Macht sind und uns die Welt diese Spielregeln als alternativlos vorgaukelt.

Mit dem Sprichwort: „Die Letzten werden die Ersten sein“, stellt Jesus diese Spielregeln in Frage. Er fragt uns: Sind die Ersten wirklich die Ersten, sind die, die das haben, wirklich vorne dran? Manche dieser Ersten ahnen, dass sie es nicht sind, fühlen sich allein. Sie genießen es, bewundert und verehrt zu werden und wissen doch zugleich darum, dass dieses Ansehen nicht wirklich ihnen gilt, sondern abhängig ist von ihrem Ruhm und Einfluss.

Und Jesus stellt uns die Frage, ob die Letzten wirklich die Letzten sind.

Er möchte damit weder die Letzten glorifizieren noch bestehende Abhängigkeits- und Ohnmachtsstrukturen stabilisieren. Wir leiden darunter, dass die Letzten die Ersten erst sein werden und noch nicht sind. Es ist noch nicht aller Tage Abend. Oft können wir die Kraft dieser Verheißung noch nicht spüren und haben immer wieder auch nicht die Kraft, sie zu glauben.

Sie ist nicht von uns zu realisieren. Gott ist es, der uns zusagt, dass er der Erste und der Letzte ist und dass damit der, der sich als Letzer wähnt, ganz bestimmt nicht gottferner ist, als der, der sich in seinem eigenen Glanz sonnt, auch wenn es sich immer wieder anders anfühlt.

Es ist noch nicht aller Tage Abend. Ein prominenter Bibeltext, in dem unser Sprichwort vorkommt, lässt uns von unserem Tag aber schon heute auf diesen Abend Gottes vorausblicken. Da sagt Jesus (Mt. 20,1-16):

Das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg. Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere auf dem Markt müßig stehen und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere stehen und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand angeworben. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg. Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde angeworben waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben. Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin? So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Die Güte Gottes fordert uns heraus. Auch denen, die nur eine Stunde arbeiten konnten, gibt er am Abend einen Silbergroschen, das, was sie zum Leben an diesem Tag für sich und ihre Familie brauchen. Mit ihnen tauschen wollte ich wahrscheinlich trotzdem nicht: Vor dem Abend lag ein ganzer Tag und möglicherweise immer wieder die Erfahrung, nicht gebraucht zu werden und die Angst das nicht zubekommen, was sie zum Leben brauchen und was auch ihre Familien zum Leben brauchen.

Jesus sieht sie, er, der der Erste und der Letzte ist, ist denen genauso nahe, die sich den ganzen Tag über wahrscheinlich immer wieder auch gottverlassen gefühlt haben. Und er ruft sie in seinen Weinberg. Gott kann alle brauchen, was auch immer die anderen über uns sagen und was auch immer wir einzubringen haben oder wie viel oder scheinbar wenig wir einbringen können. Er kann uns so brauchen, brauchen in seinem Weinberg.

Mich fordert das heraus, wie wir über Mitarbeit denken. Ein Ausleger hat geschrieben: Gott kann alle brauchen, die, deren Lebensgang und Lebensweise den Vorstellungen der Christen nicht entsprechen, Kirchenfremde, denen kirchliche Traditionen völlig ungewohnt sind, die mit einer Riesenlast von Enttäuschungen und Vorbehalten zu uns kommen (und wie berechtigt sind diese oft) und eben daran irre werden, dass wir Kirchenchristen heimlich oder offen doch von unseren Verdiensten zu leben meinen.

Drei kleine Beispiele aus meinem Alltag, wie ich diese vielleicht sog. letzten Arbeiter schon als Bereicherung erlebt habe. Bevor ich nach Münsingen gekommen bin, war ich als Pfarrer im Diakonischen Werk in Stuttgart und habe dort im Rahmen eines Kurses zu den Grundlagen diakonischer Arbeit Mitarbeitende begleitet, die keiner christlichen Kirche angehörten, Mneschen, die teilweise noch nie etwas von Gott gehört haben, und Menschen, deren Glaube durch andere sog. Christen einen schweren Knacks bekommen hatte, und die sich trotzdem von Gott rufen ließen, in seinem Weinberg mitzuarbeiten, sich in der Diakonie einbrachten und so andere Menschen die Zuwendung Gottes spüren ließen und sie auch selbst erfuhren. Ein zweites Beispiel: Bei uns in der Gemeinde haben wir Konfi 3, den ersten Teil der Konfirmandenarbeit schon in der 3. Klasse. Die Gruppenstunden werden von Eltern gestaltet, die von uns dazu das Entsprechende an die Hand bekommen. Für alle Eltern auch eine eigene Auseinandersetzung mit den Themen des Glaubens. Und auch hier auch Eltern, die teilweise selbst noch gar noch so viel mitbekommen haben und ganz wertvolle Begleitungen. Und ein drittes Beispiel: Wir haben in der Gemeinde seit nun 1,5 Jahren ein Inklusionsprojekt, das Menschen mit Behinderung dabei unterstützt, sich ehrenamtlich in der gemeinde einzubringen, und die anderen auch. Das Herangehen war spannend: Wir haben nicht gesagt: Wir haben die und ie Angebote und brauchen dafür und dafür jemanden, sondern haben die Menschen selbst gefragt, was sie gerne machen und dann überlegt, wie sie das in der Gemeinde einbringen könnten. So sind auch Dinge entstanden, die es sonst nie gegeben hätte, haben Menschen Mitgebsel gebacken und schön verpackt, die nach einem Gottesdienst mitgegeben werden konnten und von Gemeindegliedern auch Menschen mitgebracht wurden, die nicht in den Gottesdienst gehen konnten.

Gott kann alle brauchen, Menschen mit ganz unterschiedlichen Gaben – und auch zur elften Stunde noch.

Und dann kommt der Abend. Gott hat nicht nur gesehen, was jeder einzelne einbringen konnte, er sieht auch, was jeder einzelne zum Leben braucht. Und er gibt es ihm, jeden einen Silbergroschen.

Und sofort kommt der Neid und die Angst, zu kurz zu kommen. Wenn man es den Christen bloß glauben könnte, dass sie von nichts anderem leben als von der Gütigkeit des großzügig schenkenden Gottes. Er gibt auch denen, die den ganzen Tag über arbeiten konnten, was sie miteinander vereinbart hatten, gibt, was sie zum Leben brauchen. Es fällt ihnen jedoch schwer, sich über dieses Geschenk zu freuen. Sie hätten gern noch mehr, mehr als sie eigentlich brauchen und werden darüber unglücklich, obwohl sie alles haben.

Mein Freund, sagt Jesus zu ihm. Er ist sein Freund und er gibt ihm alles, was er braucht. „Mein Freund“, daraus spricht auch die Enttäuschung, dass er nicht sehen kann, dass Jesus ihm schenkt, was er braucht. „Mein Freund“, wird er im Garten Gethsemane Judas begrüßen, als er kommt, um ihn zu verraten. „Mein Freund“, es bleibt, er ist sein Freund, er ist ihr Freund, er ist unser Freund.

Und dann sagt er, in der Vollmacht dessen der selbst der Erste und der Letzte ist: Ich will diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin? So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Ob hier wirklich jemand der Letzte ist, bin ich mir gar nicht so sicher. Sie alle bekommen von Gott, was sie brauchen. Ein Ausleger bezeichnete es als „beglückende Ungerechtigkeit Gottes“. Er gibt uns nicht nur, was recht wäre oder was wir verdienen, sondern, was wir brauchen.

Er stellt die, die den langen Tag über das schwere Los der Arbeitslosigkeit tragen mussten, großzügig denen gleich, die schon eher das Glück hatten, Beschäftigung und Verdienst zu finden, und gibt beiden, was sie brauchen. So werden auch die Letzten die Ersten sein. Amen.

Ich bin das A und das O

      

             Sommerpredigt

       " Ich bin das A und das O"
            Offb. 21,1-6

       Vikar Stefan Schirrschmidt



Liebe Gemeinde,

„Gesunde Ernährung ist das A und O“!
Kennen Sie Sätze wie diesen? Die Redewendung „Das ist das A und O“ gebrauchen wir im Alltag, um zu sagen:
Das ist die Hauptsache, das ist das Wesentliche,
ja, das ist das Entscheidende.
Aber was haben denn die Buchstaben A und O damit zu tun?
Die Redensart bezieht sich auf das griechische Alphabet. Das beginnt mit dem Buchstaben Alpha und endet mit dem Buchstaben Omega.
A und O sind Erster und Letzter Buchstabe des griechischen Alphabets, sie stehen für den Anfang und das Ende.
In der Antike war man davon überzeugt, dass derjenige, der den Anfang und das Ende einer Sache kennt, auch alles dazwischen im Griff hat. Oder anders gesagt:
Wer den Anfang und das Ende festlegt, der bestimmt über das Ganze.
Die deutsche Redewendung „Das ist das A und O“ geht auf Martin Luthers Bibelübersetzung zurück, genauer auf Passagen aus dem Buch der Offenbarung des Johannes.

Ich lese den Predigttext aus Offenbarung, Kapitel 21.

1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.

2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;

4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!

6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende.

Zeit – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Liebe Gemeinde!

Ein Rat, eine Weisheit, die mir immer wieder begegnet lautet: „Lebe im Hier und Jetzt!“
Vergeude nicht zu viel Gedanken an das Morgen.

Gib dich nicht den Sorgen und Ängsten hin, wie es werden wird, sondern lebe den Tag.
Lebe im Moment und geh das an, was heute dran ist.
Das gilt natürlich nicht nur für die Zukunft, sondern auch für die Vergangenheit.
Hadere nicht mit dem Gestern. Lass nicht zu, dass Verletzungen dich weiter bestimmen und beschweren. An dem was war, kannst du sowieso nichts ändern, schau aufs heute. Lebe den Moment.

Manchmal helfen solche Ratschläge, wieder Mut zu fassen, aufs heute zu sehen und sich nicht in vergangenem oder zukünftigen zu verlieren.

Und doch gehört es unweigerlich zum menschlichen Leben dazu, dass uns das Vergangene und das Kommende beeinflusst.
Das, was war und das, was kommt, beeinflusst uns auf einer ganz basalen Ebene.

Wenn Sie heute Morgen gefrühstückt haben, sitzen sie jetzt hier gut gesättigt und sind wahrscheinlich soweit zufrieden.
Gleiches gilt für das, was auf Sie zukommt. Erwartet Sie heute nach dem Gottesdienst freie Zeit, in der Sie machen können, was ihrer Seele gut tut, dann wird Sie das schon jetzt mit einem entspannten, fröhlichen Gefühl erfüllen. <s>
</s>Die Vergangenheit wie auch die Zukunft beeinflussen unsere Gegenwart.
Was geschehen ist und was ich erinnere, hat jetzt Auswirkungen auf mich. Gleichfalls gilt:
Was ich jetzt erwarte und erhoffe von der Zukunft, verändert meine Situation in der Gegenwart.

Ganz existenziell trifft uns das, wenn es um uns als Person geht und unser Blick aufs Leben.

In dem Offenbarungstext steckt eine wunderschöne, lebenstragende Perspektive auf unser Leben.
Unser Gott, der am Anfang stand und uns ins Dasein gerufen hat. Er wird auch am Ende stehen. Nicht unsere menschliche Härte, unser unnachgiebiges Leistungsdenken steht am Ende, sondern unser gütiger Gott. Unser gütiger Gott ist das A und O des Lebens, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte.

In unserem Predigttext beschreibt Johannes mit menschlichen Worten und Bildern die Zukunft Gottes. Es sind Bilder der Hoffnung. Lassen Sie uns diese Bilder genauer ansehen: Das Bild von der Braut, von der Hütte und von den getrockneten Tränen.

1. „Wie eine geschmückte Braut“  

Im Predigttext heißt es: Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

Braut zu sein ist ein Traum vieler junger Mädchen. Braut sein heißt: Da ist einer, der mich liebt - der mich annimmt, so wie ich bin. Mich, mit meinen Stärken und Begabungen, aber auch mit meinen Fehlern und Schwächen. Da ist einer, der sagt: Ich will mein Leben mit dir teilen.
Ich will dir treu bleiben bis der Tod uns scheidet.
Ich will dir treu bleiben, auch wenn deine Schönheit vergeht und wenn Falten kommen.
Braut sein: Dahinter steht die Sehnsucht, anerkannt und geliebt zu sein.
Jesus empfängt seine Gemeinde wie eine geschmückte Braut. Darin kommt seine Liebe zu uns zum Ausdruck. Jesus sagt: Ich habe dich erwartet. In meinen Augen bist du schön.

Was sehen wir? Was sehe ich? Welche Blickrichtung bestimmt mein Urteil?
Sehe ich nur auf mich, auf alles, was unvollkommen ist, auf meine Fehler, mein Versagen, meine Schuld?
Sehe ich nur, was in der Gemeinde besser werden könnte? Diese Sichtweise kann ganz schön zermürbend und enttäuschend sein.
Oder kann ich annehmen, lasse ich mir sagen, dass Jesus mich und die Gemeinde voller Liebe ansieht?
So einen Blick wünsche ich mir immer wieder.
So einen Blick wünsche ich auch Ihnen.
Dass Sie sich von Jesus ansehen lassen als seine Braut, für die er aus Liebe sein Leben gegeben hat. Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir die Wärme der Liebe Gottes spüren.

Seine Liebe hat verändernde und gestaltende Kraft. Aber vor allem nimmt ein Bräutigam seine Braut aus Liebe an.
Wo wir Menschen aus der Liebe leben, aus der Annahme und Wertschätzung, da blühen wir auf.

Diesen wertschätzenden Blick Jesu zu fassen, bleibt für mich eine lebenslange Aufgabe; trotz meiner Fehler, meinen Launen und meiner Unbarmherzigkeit mit mir, seiner Liebe zu glauben.
Wo wir beginnen seiner Liebe zu glauben, auf sie zu bauen, da fängt es an, dass sich auch unser Blick auf andere verändert. Wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. So sieht Jesus uns entgegen. So sieht er seine Gemeinde an.

2. „Das Zelt Gottes bei den Menschen“

Von der Braut kommen wir zum Zweiten, zum Zelt:

Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein

Die Hütte Gottes wörtlich übersetzt steht da das Zelt Gottes. Das Zelt ist das Bild für die Gegenwart Gottes bei den Menschen.
Das Zelt steht für die Sehnsucht nach einer Bleibe. Ein Zuhause haben, wissen, wo ich hingehöre.
Gott verheißt uns seine Nähe, seine Geborgenheit und Sicherheit. Nicht wir müssen mehr dafür sorgen, sondern er legt seine schützende Arme um uns.
Dieses Versprechen, dass Gott uns ganz nah sein wird, zeigt uns etwas von seinem Wesen.
In der Schriftlesung haben wir es vorher gehört.
Unser Gott ist ein Gott, der zeltet. Er ist sich nicht zu schade für uns. Er ist kein ferner Gott, der aus seinem Wolkenkuckucksheim die Menschen beobachtet und sich manchmal amüsiert uns manchmal ärgert. Gott ist nicht als Zuschauer in der Distanz geblieben. Er ist in Jesus zu uns gekommen. Er hat unter uns gezeltet.
Und das Wort wurde Fleisch und zeltete unter uns (Joh 1,14).
In Jesus hat sich Gott unauflöslich mit dem Schicksal von uns Menschen verbunden. Er ist Mensch geworden und hat sein Leben, die Freuden und Schwierigkeiten des Menschseins mit uns geteilt.

Das Zelt ist auch etwas Bewegliches. Auch Gott ist beweglich. Er ist ein Gott, der mit uns geht, der uns begleitet. Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.

3. »… Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen«

Wir kommen nun zum Dritten: Zu unseren Tränen:

und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

Tränen stehen für die schmerzhaften Seiten unseres Lebens. Tränen fließen, wenn wir Trauer und Schmerz empfinden.

Zu unserem Menschsein gehört die Sehnsucht nach Verständnis, nach Geborgenheit, nach enger Gemeinschaft.

Wenn wir Menschen miteinander zusammenleben, uns einander öffnen, das leben gemeinsam bestreiten, machen wir uns verletzlich.
Jemand hat einmal gesagt: All denen, die uns am nächsten steh'n, tun wir am tiefsten weh.
Und andersherum ist es genauso. All die, die wir am liebsten haben, von denen erfahren wir die tiefsten Verletzungen.

Wo wir Menschen einander nahekommen, da bleibt es nicht aus, dass wir einander Schmerzen zufügen, einander missverstehen, dass Tränen fließen, dass wir aneinander schuldig werden.

Inmitten dieser Zerrissenheit, dieser Schwere, die auch ein Teil des Lebens ist, taucht das Versprechen am Horizont auf:
Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen: alle Tränen über den Verlust eines lieben Menschen, alle Tränen, die verbunden sind mit Schmerz und Trauer, mit gescheiterten Beziehungen. Gott wird abtun die Tränen von den sorgenvollen Gesichtern seiner Geschöpfe.
Was von Not und Schmerzen geprägt war, wir heil werden. Wer auf Gott hofft, wird sehen wie seine Tränen getrocknet werden, wie von der milden Hand eines Vaters oder einer Mutter.

Und der Tod wird nicht mehr sein

Für mich ist es tröstlich, wie ernst die Bibel den Tod nimmt.
Tröstlich darum, weil keiner sich schämen muss, wenn er sich fürchtet.

Tröstlich vor allem darum, weil wir der Hoffnung auf die Spur kommen, gerade wenn wir den Tod ernst nehmen.
Der Tod und die Angst wollen uns ja sagen,
dass - wenn uns der Atem ausgeht - uns nichts mehr hält, keiner uns helfen kann, wir ins nichts fallen und der Tod das letzte Wort hat.
Aber siehe: Ein neuer Himmel und eine neue Erde! Der Tod wird nicht mehr sein.

Nein, gerade dann, wenn uns der Atem ausgeht, dann lässt Gott uns nicht fallen. In jenem letzten Ernst, den man nur in Andeutung vorausdenken kann, kommt doch vollends zum Vorschein, was das ist: Mensch-sein. Nämlich angewiesen sein, angewiesen auf Gottes treue und verlässliche Hand.

Gott befreit uns einmal von all dem, was geschehen ist, was hinter uns liegt, das Unfertige, das Unerfüllte und Unvollständige.

Bei ihm finden wir Trost und Erlösung von all dem, was uns im Hier uns Jetzt unsagbaren Schmerz verursacht hat.

Der Tod, der Menschen auseinanderreißt,
– er wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.

Alles das wird einst der Vergangenheit angehören.
Von dieser Hoffnung her leben wir.

Erinnerte Zukunft und ihre Auswirkung in der Gegenwart

Es sind Bilder, die uns eine Zukunft verheißen,
die uns im Hier und Jetzt Kraft geben, weil sie in Aussicht stellen:
Der Tod, die Tränen, der Streit, das Unfertige, die Schmerzen, die Ängste all das wird nicht das letzte Wort haben.

All das, was uns im Leben so erdrückend mächtig erscheint, wird keine Macht mehr haben.

Anfangs hatte ich von der Einflussnahme der Vergangenheit und Zukunft auf unsere Gegenwart gesprochen.
Die Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, auf Gottes Nähe und seinen Trost, ist keine ferne Zukunft, die nichts mit unserer Gegenwart zu tun hat. 
Die Erwartung das ER das A und O, Anfang und Ende, Erster uns Letzter sein wird, wirkt sich auf unsere Wirklichkeit aus und hat Einfluss auf unsere Gegenwart.
Denn, wenn wir wissen, dass das, was dem Leben entgegensteht, nicht die Oberhand gewinnen wird, sondern Gott, dann verliert es jetzt schon seine Macht.
Wir werden vielleicht nicht unsere Ängste vergessen, aber wir können sie in die Schranken weisen.

Es verändert sich etwas, wenn wir wissen, Gott ist der Herr über das Dunkel.
Wir müssen die Angst nicht überwinden, sondern Gott wird sie einmal zum Schweigen bringen.
Wenn wir den Stärkeren kennen, gibt uns das die Gelassenheit uns zu wehren.
Wir können den Sorgen, um die Zukunft, unsere Gewissheit entgegenstellen, dass Gott es gut machen wird.

Es geht um das Ernstnehmen des Tages, an dem das Alte vergangen sein wird. Wenn Gott einmal alle Tränen abwischen wird, dann lasst uns jetzt schon getrost damit beginnen, einander wohlzutun.
Wenn Leid und Geschrei und Schmerzen nicht mehr sein werden, dann lasst uns getrost jetzt schon dem den Kampf ansagen, was Leid und Geschrei und Schmerzen unter uns Menschen verursacht.
Gott ist es und mit ihm das Leben, das einmal gewinnen wird.

Gott spricht: Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. Siehe ich mache alles neu!

Unsere Zeit liegt in seinen Händen. Gott sei Dank!
Amen.

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Auf Herz und Nieren prüfen

                                          
                                      
                                       Sommerpredigt

                            "Auf Herz und Nieren prüfen"

                                       1.Samuel 16,1-13

                                    Pfarrerin Regina Götz

                                   

 

 

 

Liebe Gemeinde, wurden Sie mal „auf Herz und Nieren geprüft“?

 

I Prüfung

Haben Sie z.B. ein solches Auswahlverfahren mitgemacht wie David?

Gut, Sie wurden sicher nicht zum König auserwählt.

Aber vielleicht für eine Führungsposition?

Oder überhaupt, für eine Arbeitsstelle?

 

Heute nennt man ein solches Verfahren ein Assessment-Center.

Was der Prophet Samuel damals erst lernen musste,

ist heutzutage längst klar im Personalmanagement:

Äußere Schönheit kann von Vorteil sein, ist aber nicht alles. Der äußere Schein kann trügen.

 

„Jemanden auf Herz und Nieren“ prüfen meint also: Genau hinsehen!

Nicht nur die Oberfläche prüfen, sondern auch innere Qualitäten!

 

Samuel stellte damals noch keine Fragen,
er hörte auf die innere Stimme, Gottes Stimme, die ihm intuitiv zeigte, wer der Richtige ist.

 

Heute werden Kandidaten mittels verschiedener Befragungen und Aufgabenstellungen
auf ihre Motivation, Fähigkeiten und Kenntnisse, aber auch ihre Einstellung zur Arbeit und zum Unternehmen u.v.m. geprüft. – Das kann ganz schön unangenehm sein.
Denn wer lässt schon gern in sich hineinsehen?!
Zumal heute meist Psychologen dabei sind. Was könnten die wohl entdecken?

 

Interessant ist, dass - laut Internet - auch Autos alle zwei Jahre „auf Herz und Nieren“ geprüft werden – vom TÜV.  Auch hier geht es ums Innenleben, denn jedes Kind weiß, dass ein Auto äußerlich schön dastehen kann, aber das reicht nicht, wenn es nicht verkehrssicher ist.

Darum schauen die Prüfer auch unter die Karosserie, ins Innere.

 

Beim TÜV und im Personalmanagement versteht vermutlich jeder,

dass eine genaue Prüfung notwendig und unabdingbar ist.

 

II Ins Herz sehen lassen

Doch wie ist es in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen?

Wen lassen wir wirklich in uns hineinsehen, in unser Herz?

Wem zeigen wir, wie es in uns wirklich aussieht?

Oder umgekehrt: Warum ist es uns oft so wichtig, die Fassade zu wahren?

Was wollen wir denn verstecken?

 

Sicher kennen wir alle den einen Raum im Haus, den niemand sehen soll.

Dort stapelt sich das Gerümpel. Oder die unerledigten Sachen.

Das, was wir schon lange aufräumen wollten. Oder wegschmeißen…

Welch Wohltat ist es, wenn wir endlich mal dazu kommen!

 

So ähnlich ist es vermutlich auch in unserem Leben.

Da gibt es Seiten, die wir gerne zeigen:

Sportler zeigen gerne ihre Erfolge, die Pokale stehen alle gut sichtbar im Regal.

Musiker, Künstler und Handwerker zeigen gerne ihre Fähigkeiten.

Gebildete Menschen demonstrieren allzu gern ihr Wissen.

Mit meterlangen, vollen Bücherregalen – oder vielen Worten und langen Reden.

Doch gibt es auch die Dinge, die wir kaum jemandem zeigen.

Zum Glück, denken wir, sieht der Mensch nur, was vor Augen ist. Und doch:
Wie gut tut es andererseits, einem vertrauten Menschen davon zu erzählen,
was uns wirklich auf der Seele liegt. Wie gut tut es, wenn uns einer wirklich sieht -
und liebt, wie wir wirklich sind.

 

 

III Gott sieht das Herz an – Samuel und David

Der kleine David war in den Augen seines Vaters nicht einmal wert, dem großen Propheten Samuel vorgeführt zu werden. Er stand ganz am Ende der Fahnenstange, lange nach seinen großgewachsenen, starken Brüdern. Er zählte nicht mal. Isai zeigte seine 7 Söhne. Und David war noch nicht mal dabei! Und doch wurden nicht sie, sondern er auserwählt.

 

Was die Brüder hinderte, König zu werden, scheint nicht wichtig.

Es ging bei dieser Auswahl nicht um den Vergleich mit den Brüdern, wer besser oder schlechter ist, mehr oder weniger kann, stärker oder schwächer war –

sondern das einzige Kriterium war Gottes Ja zu David. Gott, der Herr, sieht das Herz an.

 

Darum glaube ich, dass Samuel die Brüder mit seinen Augen, mit dem Kopf ansah –

aber bei David spürte er etwas, was man heute mit „Resonanz“ bezeichnen könnte:

„Good vibrations“, positive Schwingungen – ich stelle mir vor, alles in Samuel vibrierte:

Ja, dieser kleine, braungebrannte Junge war nicht nur hübsch, sondern der Richtige.

Der würde der neue König werden.

 

IV LIEBE - mit dem Herzen erkennen

Vielleicht kennen Sie solch gute Schwingungen.

Sie spüren sie, wenn Sie verliebt sind, oder wenn Sie einen Menschen gefunden haben,

mit dem sie sich wirklich verbunden wissen, den sie lieben.

Oder wenn Sie etwas gefunden haben, was Sie wirklich begeistert.

Ein Ding oder eine Tätigkeit, ein Hobby oder ein Projekt.

Resonanz spüren heißt wissen: Das ist der/die/das Richtige!

Und das wissen Sie nicht so sehr mit dem Kopf, sondern im Herzen. 

Darum geschieht Resonanz immer von innen heraus – von Herz zu Herz.

Das geht freilich nur, wenn die „Herzen“ miteinander verbunden sind.

Diese tiefe Verbundenheit nennen wir Liebe.
Im Hebräischen ist das Wort für „Lieben“ dasselbe wie „Erkennen“. Also wirklich sehen. 

Das Herz galt damals schon als Sitz von Wünschen und Gefühlen –
aber auch des Denkens und Erkennens.

Aus biblischer Sicht „denkt“ ein Mensch mit dem Herzen.

Daran wird deutlich, was Samuel erlebt.
Er sieht vor Augen, die großartigen Brüder - aber spürt im Herzen: David ist der Richtige.

Gott ist seine innere Stimme. Gott, der Herr, sieht das Herz an.

 

 

V ANGST – Gott sieht alles?

Leider macht das manchen Menschen Angst: Was? Gott sieht alles?
Schon von Adam und Eva wird erzählt, sie hätten sich Lendenschürze gemacht,
als sie erkannten, dass Gott sie sieht, nackt, wie sie sind.

Jahrhunderte lang hat man damit das schlechte Gewissen kleiner Kinder geschürt.

 

Doch will dieser Satz alles andere als Angst machen. Im Gegenteil: Er will befreien.

Gerade diejenigen, die sich ungerne zeigen.

Da ist einer, der nicht nur meine Fehler sieht, sondern mein Herz.

Da ist einer, der mich erkennt – und liebt, wie ich wirklich bin.

Da ist einer, der sieht in mein Inneres, sieht meine Gefühle,

und auch meine verborgenen Gedanken und Wünsche.

 

 

VI Prüfe mich auf Herz und Nieren!

Darum war es den Betern der Psalmen ein großes Anliegen, dass Gott ihnen ins Herz sieht.

Sie hatten keine Angst, dass Gott alles sieht, keine Angst, die Prüfung nicht zu bestehen,

im Gegenteil, sie baten: (Ps. 139,23)

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich's meine. oder: Prüfe mich, HERR, und erprobe mich, läutere meine Nieren und mein Herz! (Ps. 26,2).

Man könnte fragen: Warum wollen sie denn geprüft werden auf Herz und Nieren?

Wollen sie vielleicht von Gott eingestellt werden? Im Himmel?

Oder soll Gott wie der „TÜV“ ihr Herz und ihre Nieren prüfen, ob sie funktionsfähig sind?

Damit geht man doch zum Arzt! In der Tat, der würde sagen: W

enn Herz oder Nieren versagen, ist das Leben zu Ende. Es sind lebenswichtige Organe.

Essentiell für den Stoffwechsel, insbesondere für den Abtransport von Giftstoffen. 

 

Vielleicht sind wir damit auf einer Spur zum Verständnis dieses geflügelten Wortes.

Natürlich merkt jeder, dass „Herz und Nieren“ hier nicht nur als körperliche Organe gemeint sind, sondern, wie wenn uns etwas „an die Nieren“, also sehr nahe geht.

Das trifft uns im Innersten. Da, wo es um ein feines Gleichgewicht geht. Wo eine kleine Dosis Gift oder auch nur Mineralien genügt, den Organismus lahmzulegen.

 

VII Psychosomatische Zusammenhänge

Dass uns etwas an Herz und Nieren geht, kann sich körperlich zeigen:

Manche bekommen Herzschmerzen, wenn sie Leid erfahren.

Andere bekommen Rückenschmerzen, wenn sie Stress haben – vielleicht hat der Ärger tatsächlich schon ihre Nieren geschädigt. Wenn zu viel Cortisol ausgeschüttet wird, kann das schon passieren.

Den Zusammenhang zwischen Seele und Leib kannte man schon zur Zeit der Bibel.

Zudem sah man alle menschlichen Schmerzen und Regungen im Zusammenhang mit Gott.

So wurden Nieren­­schmerzen damals als Zurechtweisung Gottes erfahren.

Es galt als Züchtigung, als ob Gott Pfeile in die Nieren schießt (Hi 16,13).

Das heißt, eine Nierenkolik wurde als eine Art Ausdruck eines schlechten Gewissens gesehen.

Manche spürten auch ihre Verbitterung an Herz und Nieren:

„Da wurde mein Herz verbittert, ich fühlte meine Nieren tief gestochen.“ (Ps 73,21)

Umgekehrt konnten Nieren auch „frohlocken“, wenn einer ein gerechtes Urteil fällt oder die Wahrheit sagt. (Sprüche 23,10).

Psychosomatische Zusammenhänge waren im Alten Orient also selbstverständlich.
Leib und Seele waren eng verbunden.
Der Mensch stand immer als ganzer Leib in Beziehung (in Resonanz) zu seiner Umwelt.
Jedem Organ wurden dabei seelische und ethische Regungen zugeschrieben,

die in ihm verspürt wurden.

So saß das Gewissen in den Nieren und schwere Gefühle in der Leber. (Leber = Schwergewicht)

Wir kennen den Ausdruck, wenn etwas „über die Leber gelaufen ist“, ist einer traurig / betrübt.

Barmherzigkeit hingegen war im Mutterleib verortet, das liegt ja nahe.

Interessanterweise hatte der Zorn seinen Sitz in der Nase – warum?

Weil ein Zorniger damit so wutentbrannt „schnauben“ konnte.

 

 

VIII In Resonanz mit seinem Herzen

Insbesondere das Herz ist ein Organ, von dem jeder weiß, dass es unmittelbar mit Gefühlen verbunden ist. Darum ist es oft so gebeutelt, getrieben oder hin- und hergerissen. Manchmal gerät es in einen Sturm von Furcht und Freude. Manchmal bäumt es sich auf, läuft davon – und manchmal gerät es ins Stocken. Darum ist es gut, selbst im Kontakt mit seinem Herz zu sein.

 

Nicht wenige Menschen jedoch haben den Kontakt zu ihren Gefühlen verloren.

Vielleicht, weil sie zu verkopft an Dinge rangehen – und leider auch an andere Menschen.

Bei Maschinen mag es funktionieren. Aber Menschen sind keine Maschinen.

Menschen versteht man oft nicht mit dem Kopf. Aber mit dem Herzen.

Man sieht nur mit dem Herzen gut“, sagt der kleine Prinz von Antoine de St. Exupéry.

 

Von Herz zu Herz, mit den Augen der Liebe verstehen wir, warum einer etwas sagt oder tut, auch wenn es uns erst unverständlich erschien.

Manchmal aber fällt uns das Verstehen mit dem Herzen schwer.

So geht es auch Jeremia (17,9f), wenn er sagt:

Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergründen? Und er erhält die Antwort:

Ich, der HERR, kann das Herz ergründen und die Nieren prüfen und

gebe einem jeden nach seinem Tun, nach den Früchten seiner Werke.

Jeremia rät uns, Gott um Hilfe zu bitten, wenn wir einen Menschen nicht verstehen.

Das gilt auch, wenn wir uns selbst nicht verstehen.

Denn keiner kennt sein Werk so gut wie der Schöpfer selbst.

Gott, die Kraftquelle des Lebens, durchströmt alles. An dieser Quelle können wir andocken, wenn wir keine Verbindung mehr spüren zu unserm Herzen, zum andern, oder zur Welt.

Wenn wir gar nichts mehr spüren, keine Resonanz, nur noch Trennung und Abgrenzung.

Gottes Augen der Liebe können uns helfen, wieder Zugang zu finden zu uns und den anderen. Das ist übrigens ein guter Tipp: Bevor wir an Zorn und Hass verbittern und unsere Nieren zerfressen lassen, sollen wir Gott um Hilfe bitten: Gott kann Dinge wieder ins Lot bringen, Gerechtigkeit schaffen. Gerechtigkeit heißt, beide Seiten zu sehen:

Ich werde „an Herz & Nieren“ geprüft – und meine Widersacher.

Manche wünschen sich ja, dass Gott mal so richtig dreinschlägt. Wie Jeremia es sagt:
Aber du, HERR Zebaoth, du gerechter Richter, der du Nieren und Herzen prüfst,

lass mich deine Rache an ihnen sehen; denn dir habe ich meine Sache befohlen. (Jer 11,20;  20,12) Es kann allerdings passieren, dass diese Prüfung anders ausfällt, als ich es mir vorstelle.

Es könnte ja sein, dass nicht nur der Andere böse Absichten hat.

 

Der Prophet Jona zum Beispiel sollte Ninive den Untergang predigen.

Da wollte er sie auch untergehen sehen. Doch die Menschen dort kehrten um –

und Gott war ihnen gnädig. Das hatte Jona nicht erwartet. 

Aber: Gott wollte nicht dem Feind, sondern nur der Bosheit ein Ende machen:

Lass enden der Gottlosen Bosheit, den Gerechten aber lass beste­hen;

denn du, gerechter Gott, prüfest Herzen und Nieren. (Ps 7,10)

 


IX FAZIT

Jemanden „auf Herz und Nieren prüfen“ heißt also, sein Inneres zu untersuchen
auf Giftstoffe und andere schädliche Dinge, Gedanken und Gefühle.

Das kann auf den ersten Blick unangenehm sein, doch letztlich ist es befreiend.

Denn nur Giftstoffe, die erkannt werden, können auch entfernt werden.

Gut ist es zu wissen, dass Gott nicht nur prüft, sondern auch heilt.

Gottes Dialyse-Programm heißt Gnade.

 

Darum ist es so heilsam, in jeglicher Hinsicht, zunächst nicht mit unseren Augen,

mit unseren Denkmustern an eine Sache, einen Menschen oder eine Aufgabe heran zu gehen, sondern mit den Augen Gottes. Gott sieht das Herz an – aber: Gott sieht es mit dem Herzen.

 

Von Herz zu Herz entsteht das, was wir alle so dringend brauchen:
Liebe. Verbundenheit. Resonanz.

 

Das brauchen wir zunächst für uns selbst.

Dass wir uns selbst lieben, ist nicht immer selbstverständlich. Manches wollen wir am liebsten vor uns selber verstecken. Doch Gottes liebender Prüfblick macht uns Mut, ehrlich hinzusehen. Bei uns selbst – und bei anderen.

 

Jemanden auf Herz und Nieren prüfen ist lebensnotwendig.

Es wäre gefährlich, es nicht zu tun. Aber: Prüfen wir mit dem Herzen!

 

Von Herz zu Herz ist es möglich, Unverständliches zu verstehen – und dennoch Kritik zu üben, wo es nötig ist.

Ehrlich hinsehen, aber nicht nur bei anderen, sondern auch bei uns selbst:

 

Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin – und leite mich auf ewigem Wege.“ 

 

Amen                                  

 

 

Sodom und Gomorra

  

 

                                         Sommerpredigt

                  "Sodom und Gomorra"

                        Genesis 18,16

                           Niels Rusch


 

 

 

 

Liebe Gemeinde,

ich weiß nicht, welche Erfahrungen Sie mit Sodom und Gomorra verbinden. Ob es gute, zwiespältige, oder gar schlechte Erfahrungen sind.

In einer freikirchlichen Gemeinde groß geworden, stand die Geschichte von Sodom und Gomorra in meiner Jugend für den strafenden Gott, der Gericht hält — ein Sinnbild für das große Weltgericht am Ende der Zeiten. Erweckungsprediger in Evangelisationsveranstaltungen und Zeltmission jagten uns mit ihren Schreckensvisionen vom Gericht Gottes zuerst heillose Angst ein und drängten uns dann zur Bekehrung.

Wann immer es irgendwo drunter und drüber ging (vor allem in moralischer Hinsicht), hieß es „da geht es zu wie Sodom und Gomorra“.

„Sodom und Gomorra“ — Die legendären Städte der Sünde.
Ich lese ihre Geschichte nach

— 1. Mose 18, 16 - 33 —

… und dann folgt die Vernichtung dieser beiden Städte durch Feuer und Schwefel, weil nicht einmal diese zehn Gerechten unter allen Einwohnern gefunden werden konnten.

Schon einmal hatte Gott die Menschen wegen ihrer Bosheit untergehen lassen aus Mangel an Gerechten: „Aber die Erde war verderbt vor Gott und voller Frevel.“ [Gen 6,11]
Nur einer — Noah — findet Gnade vor Gott und überlebt mit seiner Sippe:
„Geh in die Arche, du und dein ganzes Haus, denn ich habe dich für gerecht befunden vor mir
zu dieser Zeit.“ [Gen 7,1]

Und Gott schließt nach der Sintflut einen Bund mit Noah und seinen Nachkommen. Gibt einen Verhaltenskodex, der das Leben als menschliche  Gemeinschaft ermöglicht.
Das Erinnerungszeichen dafür ist der Regenbogen.

Aber es geht gerade so weiter mit der Bosheit unter den Menschen.

Als Abram und Lot sich wegen des Streits um die Weideflächen voneinander trennen, lässt Lot sich in Sodom nieder, denn diese Gegend am Jordan war „wie der Garten des HERRN, gleichwie Ägyptenland.“ [13,10] — obwohl es schon da heißt: „Aber die Leute zu Sodom waren böse und sündigten sehr wider den HERRN.“ [13, 13]

Also macht Gott sich mit zwei Begleitern auf den Weg, um nachzuschauen. Menschen haben schwere Schuld auf sich geladen und die Opfer haben nach Gott gerufen. Wegen ihres Klagerufes will Gott in Sodom selbst nachsehen.

Gott ist entsetzt über Gewalt.         
Er ist entsetzt über Drohnen, Fassbomben, Sprengstoffgürtel.
Er ist entsetzt über Flüchtlingselend, das Morden im Mittelmeer.
Er ist entsetzt über Kinderarbeit, Ausbeutung, Raffgier.
Er ist entsetzt, dass rechtsextreme Gruppierungen wieder ihr Unwesen treiben dürfen und auch noch Gehör finden.
Er ist entsetzt darüber, wie wir mit seiner Schöpfung umgehen. Er ist entsetzt darüber, dass Recht gebeugt wird zugunsten der Konzerne, zugunsten der Aktionäre und Reichen.

Gott ist bei den Opfern, den Schwachen, den Alten, den Kranken, den Hilflosen. Bei denen, die sich nicht Gehör verschaffen können, denen das Recht versagt bleibt.

Gott ist keine kalte Macht, kein Despot, der mit Willkür regiert. Gott ist voll Leidenschaft für uns, seine Schöpfung, seine Menschen. Deshalb geht er dorthin, wo das Böse geschieht, wo Menschen leiden. Die Klage lässt ihm keine Ruhe.

In der Abraham-Geschichte machen wir eine überraschende,
ja, eine höchst bedeutsame Entdeckung: Es geht um die Beziehung zu Gott.

Abraham erlebt: Gott, der Schöpfer, zieht mich, das Geschöpf, ins Vertrauen. Gott lässt Abraham teilhaben an seiner Absicht. Und Abraham erweist sich dieses Vertrauens als würdig, indem er nicht einfach hinnimmt, was Gott beabsichtigt. Er hält dagegen. Und macht eine weitere Entdeckung:

Gott lässt mit sich reden.
Der
„König aller Könige, der Herr aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat“, der lässt mit sich reden, der lässt sich auf Argumente ein, der lässt sich sogar umstimmen.

Was für ein Gott!
Was für ein Glaube!
Was für eine Möglichkeit für unser Gebet!

Wie wäre unsere Reaktion ausgefallen?

Wäre es uns nicht tausendmal lieber, Gott würde dreinfahren und allem Elend, aller Bosheit ein Ende bereiten?

So, wie auch Jona, von dem es heißt, dass die Reue Gottes über seinen Plan, Ninive zu vernichten, ihn „sehr verdross und er zornig ward.“ [Jona 4, 1]?

Was für ein Geschenk! Ein Glück, dass es Menschen wie Abraham gibt. Menschen, die ihre Verantwortung wahrnehmen und kämpfen. Sich einsetzen für Recht und Gerechtigkeit.

Abraham könnte sich zurücklehnen und gelassen abwarten, was kommt. Er könnte auch, weil ihm die Familie am Herzen liegt, Gott lediglich darum bitten, Lot und seinen Anhang zuvor aus der Stadt zu retten.

Aber Abraham fühlt sich verantwortlich für die Menschen, die in der Stadt wohnen. Er kann nicht einfach zuschauen, wenn alles den Bach runtergeht. Gaffen, Hilfeleistung  unterlassen, Helfer behindern, die Rettungsgasse blockieren — das kann er nicht.

Mit ganzem Herzen setzt er sich ein für Sodom,
für die Bedrängten, für die ganze Stadt.

Und so beginnt er, gegen Gott zu argumentieren.

Gerechte dürfen doch nicht zusammen mit den Ungerechten vernichtet werden:
„Das sei ferne von dir, dass du das tust und tötest den Gerechten mit dem Gottlosen, sodass der Gerechte wäre gleich, wie der Gottlose!
Das sei ferne von dir!
Sollte der Richter aller Welt nicht gerecht richten?“ [V25]

50 — 45 — 40 — 30 — 20 — 10 …

Mit jedem Schritt wird die Kraft von Menschen, die liebevoll handeln, die sich um ihren Nächsten kümmern, denen nicht alles egal ist, größer und größer. Um das Überleben zu sichern, werden am Ende nur noch 10 Gerechte gebraucht.
Das Zahlenverhältnis entscheidet bei Gott nicht.
Die Liebe von wenigen könnte eine ganze Stadt retten.
Eine verschwindend kleine Minderheit kann wie Hefe wirken. Hoffnungsträger der Gesellschaft, Salz der Erde.

Die Gerechten aber werden nicht gefunden.
Das Unheil nimmt seinen Lauf.
Die Stadt wird mit ihren Bewohnern vernichtet.

Wollen wir etwa sagen, es geschieht ihnen recht?

Abraham setzt darauf, dass Gott barmherzig ist.
Er vertraut auf Gott, auf Gottes Gerechtigkeit.
Abraham hat — wie wir alle — seine Fehler.
Aber er ist ein Gerechter, weil er Gott so beharrlich vertraut und auf einen guten Ausgang hofft.

Dass es anders kommt, ist bitter. Und schwer zu erklären.

Vielleicht hilft ein Perspektivwechsel:
Der Untergang der Stadt ist zugleich eine Befreiung.
Leid und Ungerechtigkeit finden — wenn auch nur regional begrenzt und für den Moment — ein Ende.

Gottes Absicht ist, dass wir, seine Geschöpfe, als Gerechte leben.

Zehn Gerechte … könnte man die bei uns finden, wenn es ums Überleben geht? Gibt es diese zehn Gerechten, in unserem

Dorf, in unserer Kirchengemeinde? Zähle ich dazu?

Was ist eigentlich ein Gerechter, oder, wie es in der hebräischen Bibel heißt, ein „saddiq“?

Abraham ist darin gerecht, dass (und wie) er sich für Lot und die Stadt einsetzt. Er ist in Gottes Augen gerecht, weil er Gott vertraut.
Lot ist darin gerecht, dass er die Fremden, die zu ihm nach Sodom gekommen sind, bei sich aufnimmt, ihre Unversehrtheit garantiert und sich schützend vor sie stellt. Auch er ist in Gottes Augen gerecht, weil er Gott vertraut.
Gott ist darin ein gerechter Gott, dass er mit sich reden lässt, dass er ein barmherziger, mitfühlender Gott ist, dessen Wesen Liebe ist.

Ich möchte hier gern mal einen näheren Blick auf die Gerechtigkeit Gottes werfen. Gerechtigkeit ist eine Grundfrage der Menschheit. Eine Frage des Überlebens.

In unserem Wort „Gerechtigkeit“ steckt zunächst einmal das Wort „Recht“. Aber das Wort „Gerechtigkeit“ und das Wort „Recht“ meinen überhaupt nicht dasselbe. Das ist eine Folge unseres europäischen Rechtsempfindens, das aus dem römischen Recht, der Justitia, hervorgegangen ist und immer die Sanktion, die Bestrafung im Blick hat.

Aber diese beiden Worte sind grundverschieden in ihrer Bedeutung.

„Recht“ heißt im Englischen „right“, im Schwedischen „rätt“.
In beiden Sprachen ergeben sich aber jeweils zwei grundver-schiedene Bedeutungsvarianten: Je nach Kontext meinen sie nämlich entweder „Recht“ oder „richtig“.
„Recht“ ist ein Regelsystem, eine Institution mit Gesetzen, Sanktionen und Strafen, Legislative und Judikative.
„richtig“ dagegen bezieht sich auf richtiges, anständiges Verhalten. Gerechtigkeit ist also gerade kein Regelsystem, sondern vielmehr eine Frage der Beziehung, eine moralische Haltung.

Deshalb ist geltendes Recht auch nicht immer gerecht.
Und Widerstand gegen geltendes Recht kann um der Gerechtigkeit willen geboten sein.

Wenn Gott uns Menschen also als der gerechte Gott begnet, geht es immer um Beziehung, um die Beziehung Gottes zu uns, seinen geliebten Geschöpfen.

Das Studium der Bibel zeigt uns sehr klar:
Gottes Wesen ist Liebe!
Wenn wir unseren Glauben auf den Punkt bringen wollen,
dann mit diesem Satz: Gott ist Liebe! Er ist das kürzeste Glaubensbekenntnis und ein Alleinstellungsmerkmal für das Christentum. In keiner anderen Religion gibt es diese Aussage über Gott.

Gott ist Liebe — dieser einzigartige Satz gilt ohne Einschränkung immer und überall — und für jede und jeden — auch im Weltgericht.

In der Bibel lesen wir viele Geschichten — so auch die von Sodom — in der von Strafen die Rede ist. Es ist Jesus, sein Leben und sein Wirken, das diesen Satz legitimiert und uns zeigt: Gott ist Liebe.

In Psalm 103, 8 heißt es: „Barmherzig und gnädig ist der HERR,
geduldig und von großer Güte.“

In Jesus ist dieser Vers Fleisch geworden.
(Das tiefer auszuloten, wäre eine eigene Predigtreihe.)
Aber noch einmal zurück zur Gerechtigkeit Gottes, zu seinem „Richten“.

In der hebräischen Bibel begegnet uns Gott als Richter der Witwen und Waisen, er ist der Richter der Vaterlosen und Fremdlinge. Und das ist nicht im Sinne unseres europäischen Rechtsempfindens gemeint, damit ist keine Sanktion verbunden.

Vielleicht verstehen wir es besser, wenn wir einen Blick auf unsere Redensarten werfen:

„Ich muss mich geschwind noch richten“ sagen wir, oder:
„Ich muss meinen Garten richten“.
Und meinen damit keineswegs, dass wir uns bestrafen,
oder unseren Garten zerstören wollen.

„Richten“ meint ein liebevolles „zurechtbringen“.
Deshalb haben wir Gott als Richter nicht zu fürchten.
Auch nicht im Weltgericht.

Ein einziger Gerechter ist Gott genug.
Von Christus heißt es in 2. Korinther 5
[21]:
„Denn Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“

Niemand von uns ist an sich schon gerecht — wir sind es, weil Gott uns seine Gemeinschaft schenkt, allein aus Gnaden und weil Christus für uns gestorben ist. Durch die Taufe unterstehen wir der Herrschaft Christi, die uns frei macht. Wir sind darin gerecht, dass wir ihm vertrauen.
Unsere Freude und unsere Dankbarkeit darüber bringen wir durch unser Handeln zum Ausdruck, dadurch dass wir die Liebe Gottes weitererzählen und dadurch, dass wir als Gerechte das Salz der Erde sind, Hoffnungsträger.

Wo es aber ums Letzte geht, um unseren Stand vor Gott, macht Christus unsere Sache zur seinen. Das Gericht hat Christus für uns abgefangen. Deshalb brauchen wir es nicht zu fürchten.

Aber es ist die einzige Hoffnung, die Rettung, der Trost für die Vergessenen und Geschundenen dieser Welt. Im Weltgericht will Gott in seiner grenzenlosen Liebe zurechtbringen, was schiefgelaufen ist.

Und  zum Schluss ist mehr geschehen, als Abraham zu bitten gewagt hat.

Alle angstmachende Rede vom strafenden Gott ist fehl am Platze und wir können mit Martin Luther ausrufen:
„Ich gehe zum Weltgericht mit einem fröhlichen Zittern.“

AMEN.

Auge um Auge, Zahn um Zahn




Sommerpredigt

„Auge um Auge, Zahn um Zahn“
  Exodus 21,24


Pfarrerin Maren Müller-Klingler

 

 

 



Liebe Brüder, liebe Schwestern,

„Auge um Auge, Zahn um Zahn“ – ein Sprichwort das ein Schlagwort ist. Es war unter anderem schon Titelschlagzeile einer Spiegelausgabe als es um den israelisch-palästinensischen Konflikt ging.

 

Allein die Wortfolge kommt mit so viel Energie daher,

dass es einem bang werden kann.

„Auge um Auge, Zahn um Zahn"

Das wird mit schmalen Lippen und zusammengekniffenen Augen gesagt.

„Auge um Auge, Zahn um Zahn“

Und die Konsonanten dieser Worte knallen und zischen dem Hörenden angsteinflößend in die Ohren.

 

Rache und Vergeltung klingen für uns aus diesen Worten.

„Dir wird ich´s heimzahlen“ schließt sich als Satz davor oder danach nahtlos an.

Oder auch „man sieht sich immer zweimal im Leben….

 

Wer dann noch weiß, dass dieser Satz aus dem zweiten Buch Mose stammt, der verbindet diese Emotionen allzu schnell mit diesem Text, mit dem ganzen Alten Testament und womöglich auch mit seiner Haltung gegenüber den Juden, denen dieser Text heilig ist.

Alt im Sinn von veraltet und überkommen erscheint es.

 

Und außerdem haben viele den Satz von Jesus aus der Bergpredigt im Ohr: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist (2.Mose 21,24): »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen…“

Wenn Jesus sagt „ich aber sage euch“ – dann stellt er seine Aussage ja wohl der anderen Aussage entgegen.

Und schnell denken wir: Dann ist das andere wohl falsch. Zumindest überholt und erneuerungsbedürftig.

 

Kurzum: Das „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ wird von unseren Ohren (und unserem Herzen) als schlechte, gar bedrohliche Nachricht wahrgenommen.

 

 

Es ist aber eine gute Nachricht.

Das wird deutlich, wenn wir den Zusammenhang dieses Satzes zur Kenntnis nehmen.

 

Und in dieser Aussage steckt der erste Merksatz dieser Predigt:

Für unser Verstehen ist es immer entscheidend, in welchem Zusammenhang Worte gesagt sind!

Das gilt für das Verstehen der Bibel und für alles Verstehen.

 

Das Klamauklied „O hängt ihn auf“ macht sich aus dieser Tatsache einen großen Spaß.

„O hängt ihn auf, o hängt ihn auf,

o hängt ihn auf den Kranz von Lorbeerbeeren.

Ihn, unsern Fürst, ihn, unsern Fürst,

ihn, unsern Fürst, den wollen wir verehren“.

So beginnt es.

Und wir hören ein Loblied auf einen mächtigen Herrscher.

 

Im weiteren Verlauf werden keine neuen Worte benutzt.

Abe sie werden in anderen Zusammenhänge gestellt:

„O hängt ihn auf, o hängt ihn auf,

o hängt ihn auf den Kranz von Lorbeerbeeren.

Ihn, unsern Fürst, ihn, unsern Fürst,

ihn, unsern Fürst, den wollen wir verehren.

O hängt ihn auf- Ihn, unsern Fürst

O hängt ihn auf- Ihn, unsern Fürst“.

Und schwupp-di-wupp werden die Worte des Herrscherloblieds zum Revolutionsgesang.

Für unser Verstehen ist es immer entscheidend, in welchem Zusammenhang Worte gesagt sind!

 

Der schriftliche Zusammenhang der Worte „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ ist das zweite Buch Mose. Dort heißt es im  21. Kapitel:

 

18 Wenn Männer miteinander streiten und einer schlägt den andern mit einem Stein oder mit der Faust, dass er nicht stirbt, sondern zu Bett liegen muss

19 und wieder aufkommt und ausgehen kann an seinem Stock, so soll der, der ihn schlug, nicht bestraft werden; er soll ihm aber bezahlen, was er versäumt hat, und das Arztgeld geben.

20 Wenn jemand seinen Sklaven oder seine Sklavin schlägt mit einem Stock, dass sie unter seinen Händen sterben, muss er bestraft werden.

21 Bleiben sie aber einen oder zwei Tage am Leben, so soll er nicht bestraft werden; denn es ist sein Geld.

22 Wenn Männer miteinander streiten und stoßen dabei eine schwangere Frau, sodass ihr die Frucht abgeht, ihr aber sonst kein Schaden widerfährt, so soll man ihn um Geld strafen, wie viel ihr Ehemann ihm auferlegt, und er soll's geben durch die Hand der Richter.

23 Entsteht ein dauernder Schaden, so sollst du geben Leben um Leben,

24 Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß,

25 Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Beule um Beule.

 

Von der Art des Textes her gehört der Satz zu einer Gesetzes- und Rechtsammlung, die das Bundesbuch genannt wird.

Um das Jahr 800 vor Christus wurde es in Israel aufgeschrieben.

 

Historisch wissen wir, dass es eine große kulturelle Leistung, war, dass Rechtssammlungen entstanden sind.

Bevor es solche in einer Gemeinschaft akzeptierten und gemeinsam durchgesetzten Normen, Gesetze und Rechte gab, hat jeder für sich (bzw. jede Familie, jede Sippe) selbst das Recht erstritten.

Das führte in manchen archaischen Gesellschaften zu grausamen Gepflogenheiten: Der erlittene Schaden oder die erlittene Heimtücke wurde mit entsprechenden oder noch größeren Schäden gerächt.

 

Das Auge um Auge, Zahn um Zahn gebietet dem Einhalt.

Eins zu eins.

Nicht mehr.

Dann ist Schluss.

Dennoch gilt, wenn man weiterdenkt, das. was Mahatma Gandhi so treffend formuliert hat:

„Auge um Auge - und die ganze Welt wird blind sein.“

 

Darum gebe ich Ihnen jetzt noch die Information dazu, dass es sprachlich genauso möglich ist zu sagen:

„Leben für Leben, 24 Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß,25 Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Beule für Beule“

 

Damit wird verständlich:

Es geht um einen Ersatz, einen Ausgleich.

Und das in Geld oder Naturalien!

Für jüdische Rechtsgelehrte ist seit alter Zeit undenkbar,

dass ein Täter verstümmelt wird,

um seine willentlich oder unwillentlich verursachte Schädigung eines anderen auszugleichen.

Damit ist ja niemandem geholfen

und ein Ausgleich ist das nicht wirklich.

 

Klar ist aber:

Wer einen Schaden angerichtet hat,

muss dafür sorgen, dass der Geschädigte Ersatzleitungen erhält, die ihm ein Weiterleben ermöglichen.

Wer als Hirte oder Bauer mit nur einer Hand weiterleben muss, der kann weniger schaffen und braucht darum Unterstützung.

Darum wenden sich die Rechtsätze an die Täter

und verpflichten sie,

einen Ausgleich für den entstandenen Schaden zu leisten,

 

Im zweiten Buch Mose wird das besonders offensichtlich an dem konkreten Fall, dem ich grade auch mit vorgelesen habe:

Zwei Männer streiten, einer wird verletzt und ist bettlägrig.

Dann muss der andere ihm seinen Verdienstverlust in der Zeit der Bettlägrigkeit ersetzen und den Arzt bezahlen.

 

Vorher hatte ich einen ersten Merksatz formuliert:

Für unser Verstehen ist es immer entscheidend, in welchem Zusammenhang Worte gesagt sind!

 

Wir haben das Auge um Auge, Zahn um Zahn jetzt in seinen sprachlichen und in seinen historischen Kontext eingefügt.

Und wir merken:

Wir verwenden die Worte im Sprichwort in einer ganz anderen Bedeutung als sie in der Bibel gemeint sind:

 

Auge um Auge, Zahn um Zahn

ist ganz und gar nicht

die bedrohlich gezischte Racheansage des geschädigten Menschen.

 

Es ist aber die Verpflichtung des Täters für seine Tat Verantwortung zu übernehmen und entstandenen Schaden auszugleichen.

 

Das ist etwas komplett anderes!

Die Worte funktionieren für beide Intentionen,

für beide Sätze.

Aber die Bedeutung unterscheidet sich diametral, liegt himmelweit auseinander.

 

 

Darum folgt jetzt der zweite Merksatz dieser Predigt:

Bibelworte und Gottes Wort sind zwei Paar Stiefel.

 

Denn die Rache und Vergeltung die in der sprichwörtlich gebrauchten Wiederholung des Auge um Auge, Zahn um Zahn

hörbar wird, ist nicht das, was Gott will.

 

Mit den Rechtssätzen, die Gott seinem Volk Israel anvertraut hat, hat er Ihnen ein gutes Zusammenleben ermöglich.

Er selbst ist der Garant für die Rechtmäßigkeit des Rechts.

Das ist außerordentlich.

 

Wenn man sich in dieser Zeit des 8. Jahrhundert vor Christus umschaut, dann ist das Recht eigentlich überall das Recht des Königs. Er sagt, wie es in seinem Land zugehen soll.

Für die Bibel ist klar: Gott gibt das Recht und sichert so das gute Zusammenleben im Volk.

 

Gott gibt das Recht.

Und das Recht ist ein Ausdruck für den Willen Gottes.

Im Recht kommt Gott in diese Welt hinein,

prägt und sichert das Zusammenleben seines Volkes.

Darum ist das Auge um Auge, Zahn um Zahn eine gute Botschaft

 

Und wir hören diese gute Botschaft heute zumeist als Racheansage. Was für ein Missverständnis!

 

Aber das ist die Gefahr, in der alle Worte in dieser Welt stehen: Dass sie missverstanden werden können.

Das ist bedauerlich.

Aber es ist eine Tatsache.

Es ist beim Reden unter uns Menschen bedauerlich.

Und es beim Reden von Gott fatal.

 

Denn mit der Bibel in der Hand oder mit Bibelworten im Mund sind grausame Verbrechen geschehen.

Und es geschehen solche bis heute.

Kinder wurden und werden grausam geprügelt, weil das angeblich in der Bibel steht.

Völker wurden versklavt, zwangsgetauft, misshandelt – im Namen der Bibel.

Menschen wird ein falsches Gottesbild und eine grausame Moral vermittelt, weil es angeblich so in Gottes Wort steht.

Und nicht zuletzt: Gottes Volk, die Juden,

wurden als angesehen als die von Gottes Geschichte Überholte und Ungläubige.

Sie wurden von uns Christen gedemütigt, verfolgt, getötet.

Mit der Bibel in der Hand.

Mit den Worten der Bibel im Mund.

 

Aber Gottes Willen, Gottes Wort, Gottes Reden mit seinen Menschen ist das darum noch lange nicht.

Bibelworte und Gottes Wort sind zwei Paar Stiefel

 

 

Und darum ist es unsere Pflicht genau hinzuhören.

Nicht jeder Satz, der als Bibelstelle gekennzeichnet ist, ist in jeder Situation wahr. Und nicht immer spricht darin Gott zu uns.

Wir brauchen Maßstäbe, die uns leiten.

 

Uns Christen ist Jesus der Maßstab zum Verstehen von Gott.

Jesus kennt Gott, ist eins mit dem Vater.

Missverständnisse zwischen Gott und Jesus sind ausgeschlossen.

Bei Jesus lernen wir, wer Gott ist.

 

Und wenn wir mit dem, wie wir Gott in Jesus kennengelernt haben, auf das Auge um Auge, Zahn um Zahn hören,

- genau hinhören,

uns nicht mit dem immer schon Gehörten zufrieden geben

sondern neu zu verstehen suchen, -

dann entdecken wir schon hier im Alten Testament

Gott als den, der sich auf die Seite derer stellt,

die leicht unter die Räder kommen

und der uns zur Verantwortung füreinander bestimmt hat.

Er nimmt die Täter in die Pflicht und will, dass unser Zusammenleben gerecht ist.

Im Horizont von Gottes Versöhnungsleidenschaft

ist eine Aufforderung zur Rache Quatsch.

 

Wie Jesus das Auge um Auge, Zahn um Zahn in der Bergpredigt aufnimmt und nochmal ganz neu bedeutsam macht – das wäre eine weitere Predigt.

 

Für heute ist es genug.

Nehmen Sie in die – hoffentlich auch für Sie - ruhigeren Sommerferienwochen einerseits die Mahnung mit,

bei allen Worten,

aber besonders bei Gottes Wort genau hinzuhören, um gut zu verstehen.

Nehmen wir uns die Zeit auch auf

anscheinend altvertraute

und immer schon gehörte und verstandene Worte

neu zu hören, genau hin zu hören und zu lauschen.

Um dann Entdeckungen zu machen, wie Gott mit uns spricht.

 

Und nehmen Sie zugleich die frohe Botschaft mit,

dass ein gutes, friedvolles Miteinander aller Menschen,

Gottes Ziel ist.

Schaden fordert Ausgleich.

Jeder Mensch – Täter und Opfer - hat Würde und Recht.

So solidarisch, so gerecht ist unser Gott.

Amen.